1970-2005 Differenzierung, Spezialisierung und Professionalisierung

Aus Rotkreuz Museum Innsbruck
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Die Jahre von 1970 bis 2005 sind von einer zunehmenden Spezialisierung, Professionalisierung und Ausdifferenzierung der Tätigkeitsbereiche der Freiwilligen Rettung Innsbruck geprägt. Dies betrifft sowohl die Vereinsorganisation als auch das Dienstleistungsangebot. Gleichzeitig wurde die Technisierung insbesondere im Alarmierungs-, Rettungs- und Krankentransport- sowie Katastrophenschutzwesen zunehmend vorangetrieben. Die Entwicklung der technischen Möglichkeiten ging Hand in Hand mit einer zunehmenden Spezialisierung und Professionalisierung der Sanitäter, die sich im Ausbildungswesen entsprechend niederschlug.

Wegen des Umfangs der Ereignisse können hier nur einige wichtige historische Schritte behandelt werden.

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Eine Fahrzeugchronik in Bildern von Michael Sintic

Das Alarmierungswesen

Rettungsleitzentrale Innsbruck

Mit dem Hausbau der Jahre 1968-1970 wurde die alte Funkanlage, die zunächst in der Kanzlei der Rettungsstation in der Wilhelm-Greil-Straße, später als Telefon-Funk-Zentrale in einem eigenen Raum ihren Dienst versehen hatte, durch eine moderne Rettungsleitstelle ersetzt. Diese war im Erdgeschoss der neuen Wache am Sillufer untergebracht.

1980 übersiedelte die Leitstelle in den ersten Stock desselben Gebäudes und wurde durch eine Rettungsleitzentrale nach Münchner Vorbild ersetzt. Dazu wurde die Hofeinfahrt der Wache überbaut und damit der ursprüngliche Bau von 1970 erstmals erweitert. Die Technik wurde von der Firma AEG Telefunken bereitgestellt. Sie bestand aus drei gleichberechtigten Bedientischen, die unabhängig voneinander, aber auch untereinander korrespondierend betrieben werden konnten. An jedem von ihnen liefen 22 Telefonleitungen und 10 Funkkanäle auf. Damit waren außer den Leitungen für die Notrufannahme Direktverbindungen zu anderen Einsatzorganisationen, Behörden, der Innsbrucker Klinik, den Landesrettungsfrequenzen Salzburg und Vorarlberg etc. möglich. Komplettiert wurde die Anlage durch technische Zusatzeinrichtungen wie einer Funkkreiszusammenschaltung, Weiterleitung von Telefonaten an Funkgeräte, Fangvorrichtung, Tonbandaufzeichnung für Telefon und Funk etc. Als im November 1984 der damals noch „Seniorenalarm“ genannte Hausnotruf mit einer Anlage der Firma GESIG – Gesellschaft für Signalanlagen in Betrieb ging, wurde auch er in die neue Leitstelle integriert.

1994 begann in der Leitstelle der Freiwilligen Rettung Innsbruck das „zettellose Zeitalter“. Sämtliche Arbeitsvorgänge konnten mit Hilfe von Computern erledigt werden. Und was im Jahre 2015 für ausgewählte Stationen der Innsbrucker Klinik im Zusammenarbeit mit der Leitstelle Tirol in Testbetrieb ging, war bereits ab Februar 1996 mit der Rettungsleitzentrale Innsbruck für alle Stationen und Ambulanzen der Krankenhäuser Innsbruck, Natters, Hochzirl und des Psychiatrischen Krankenhauses Hall in Tirol einmal möglich gewesen: die elektronische Anforderung von Krankentransporten direkt an die Leitstelle.

Der Funkwagen

Beim 1978 in Betrieb gegangenen „Funkwagen“ handelte es sich um die erste mobile Funkeinsatzzentrale in Österreich.

1978 ging der sog. „Funkwagen“ in Betrieb“. Es handelte sich um die erste mobile Leitstelle (Funkeinsatzzentrale) in Österreich zur Koordination von Großambulanzen und Katastropheneinsätzen.

Die Planung und der Aufbau waren von Mitgliedern der Freiwilligen Rettung Innsbruck weitgehend ehrenamtlich durchgeführt worden. Die Anlage bestand aus je zwei 4-m- und 2-m-Band-UKW-Stationen, einer Katastrophenfunkstation des Landes Tirol, einer CB-Funkstation, einer KW-Station, mit der weltweit gearbeitet werden konnte, Tonbandgeräten zur Aufzeichnung des Sprechfunkverkehrs, einem Fernseher und einem Autoradio eingebaut in einen Fiat-Kastenwagen mit der Kennung „Innsbruck 35“. Außerdem gab es 12 Feldtelefonanschlüsse, von denen zwei Amtsleitungen direkt ans öffentliche Telefonnetz angeschlossen werden konnten. Zur Bedienung bedurfte es vier ausgebildeter Funker. Der Funkwagen war bis 1997 im Einsatz.

Landesrettungsleitstelle

1992 wurde die Rettungsleitstelle der Freiwilligen Rettung Innsbruck um die neu geschaffene Landesrettungsleitstelle ergänzt. Seit 1990 hatte es die Landeswarnzentrale der Tiroler Landesregierung (untergebracht im Palais Taxis) gegeben, welche im Auftrag der behördlichen Einsatzleitung des Landes Tirol (Landeshauptmann) die Kommunikation mit den und die Koordination der Einsatzorganisationen bei außergewöhnlichen Ereignissen (Natur-, Umwelt-, Verkehrskatastrophen, Flüchtlingswellen, Seuchen, Epidemien) übernehmen sollte. Die Einrichtung einer Landesrettungsleitstelle ging auf § 9 des Tiroler Landesrettungsgesetzes von 1987 zurück, der das Land Tirol verpflichtete, für die Einrichtung einer Landesrettungsleitstelle zu sorgen. Diese sollte die Erfüllung der Aufgaben des überörtlichen Rettungs- und Bergrettungsdienst insoweit koordinieren, als diese die Fähigkeiten der lokalen Bezirksleitstellen überschritten. Das Land Tirol bediente sich dazu des Landesverbandes Tirol des Österreichischen Roten Kreuzes, der wiederum die Freiwillige Rettung Innsbruck mit der Umsetzung beauftragte. Bis 1999 befand sich die Landesrettungsleitstelle mit gegenseitigem Sichtkontakt durch eine Glaswand in Räumlichkeiten direkt neben denen der Innsbrucker Rettungsleitzentrale.

Bereichsleitstelle Tirol Mitte

1999 wurde die Rettungsleitzentrale Innsbruck durch die in der Eduard-Bodem-Gasse 2 angesiedelte und sich seit 1996 in Planung befunden habende Bereichsleitstelle Tirol Mitte mit integrierter, aber vom Landesverband betriebener Landesrettungsleitstelle Tirol abgelöst. Die Bereichsleitstelle disponierte zunächst nur die Fahrzeuge der Bezirksstelle Innsbruck-Stadt des Österreichischen Roten Kreuzes, später wurden die Bezirkstellen Hall in Tirol, Wattens, Innsbruck-Land und Telfs, ab 2002 auch Kufstein angeschlossen. Sie wurde als überörtlicher, gemeinsamer Leitstellenbetrieb des Roten Kreuzes betrachtet.

Mit der Einrichtung der Bereichsleitstelle Tirol Mitte waren zahlreiche technische Neuerungen wie die erstmalige Einrichtung eines Statusfunksystems, bei dem die Standorte der Fahrzeuge mittelst Tastendrucks auf dem Bedienteil der Spechfunkgeräte übermittelt wurden, verbunden.

Insofern die Bereichsleitstelle Tirol Mitte überörtlich war, kann sie als erste Vorgängereinrichtung der heutigen Leitstelle Tirol angesehen werden. Deren direkte Vorgängerin, die Integrierte Landesleitstelle (ILL), an der zu 74 % das Land Tirol, zu 26 % die Stadt Innbruck beteiligt waren, übernahm infolge eines Grundsatzbeschlusses von 2003 im Jahre 2004 die Bereichsleitstelle Tirol Mitte.

Entwicklungen in der Großunfall- und Katastrophenbewältigung, 1991-1994

1991/92 Entwicklung und Einführung des MEGUS Tirol

Das MEGUS (Medizinisches Großunfallset) wurde im Herbst 1991 von Harald Mair (ehemaliger hauptamtlicher Mitarbeiter des Roten Kreuzes Innsbruck) und Wolfgang Weitzer (ehemaliger Dienstführer des Roten Kreuzes Innsbruck) unter der Beratung von Dr. Daniel Egger-Büssing (Schulungsarzt des Roten Kreuzes Innsbruck) und Dr. Reinhard Neumayr (Schulungsarzt des Landesverbandes Tirol des Österreichischen Roten Kreuzes) entwickelt. Die Umsetzung in ganz Tirol ab 1992 erfolgte maßgeblich durch Gerhard Lobenscheg vom Landesverband Tirol des Österreichischen Roten Kreuzes. Im November 1992 wurden die einzelnen Sets an die ersten Tiroler Rotkreuz-Bezirksstellen ausgerollt, 1993 gab es eine zweite Ausbaustufe. Die Idee eines medizinischen Großunfallsets wurde österreichweit übernommen. Das Tiroler Modell diente den anderen Landesverbänden als Grundlage für regional unterschiedliche Umsetzungen unter der Bezeichung „MEGUS“.

„Drei Drittel sind ein MEGUS“ (Harald Mair). Aufbau des Prototypen des MEGUS aus der von Harald Mair und Wolfgang Weitzer zur Präsentation in einer Verbandsausschusssitzung in der ersten Septemberhälfte des Jahre 1991 entworfenen Broschüre zum Medizinischen Großunfallset Tirol.
Harald Mair, Wolfgang Weitzer: MEGUS Tirol – Medizinisches Großunfallset Tirol. Unveröffentlichte Broschüre, 09/1991, o. pag. – Archiv der Freiwilligen Rettung Innsbruck: Reproduktion eines Exemplars aus dem Privatarchiv Harald Mair.
Lieferschein der Fa. Chemomedica (Seite 2) über die Bestellung des ersten MEGUS vom 7.11.1991. – Archiv der Freiwilligen Rettung Innsbruck: Reproduktion des Originals aus dem Privatarchiv Harald Mair.

Es gab damals seit der Zeit der letzten großen Reform des Katastrophenschutzwesens Mitte der 1970er-Jahre in den einzelnen Bezirksstellen des Roten Kreuzes in Tirol sog. „Katastrophenzüge“. Mit ihnen wurde Material zur medizinischen Versorgung, zur Bergung und zum Aufbau einer Versorgungsinfrastruktur meistens mittelst Kat-Anhängern, die an verschiedene Zugfahrzeuge gehängt wurden, an den Notfallort verbracht. Die Ausstattung der Katastrophenzüge war weitgehend den Anforderungen des Katastrophenschutzes geschuldet, obwohl sie auch bei Großunfallszenarien zum Einsatz kam. Zur Bewältigung von Massenanfällen von Verletzten bei einem lokal sehr begrenzten Schadensraum und häufig nur wenige Stunden dauernden Einsätzen, wie sie für den Großunfall typisch sind, erwies sich das mitgeführte Material als zu unflexibel und daher schlecht geeignet. Die Ärzte fanden in solchen Fällen außerdem zu wenig an medizinischer Ausrüstung zur Versorgung einer großen Anzahl schwerverletzter Personen vor.

Um diesem Missstand zu begegnen, wurde mit dem MEGUS ein modulares System entwickelt, mit dessen Hilfe Versorgungsmaterial zur Behandlung von jeweils fünfzehn Schwerverletzten ohne Zeitverzögerung an den Notfallort verbracht werden konnte. Der Prototyp des MEGUS bestand nur aus einem medizinischen Set und einem für die Bergung. Er wurde für die endgültige Umsetzung um ein Einsatzleitungsset erweitert. Jedes der Sets bestand aus drei stapelbaren Zarges-Kisten, die mit gleichem Material befüllt wurden (Kiste 1 des Bergesets enthielt außerdem ein Triageset). Dadurch konnte je nach vorgefundener Lage flexibel entweder weniger oder mehr an Material eingesetzt werden. Mit einem Set konnten drei Notärzte gleichzeitig arbeiten. Das Gewicht wurde bewusst so bemessen, dass nicht nur ein Transport mit bodengebundenen Fahrzeugen, sondern auch mit Hubschraubern möglich war. Durch farbliche Kennzeichnung, wie man sie – so wie die Unterbringung in Zarges-Kisten – bereits vom Katastrophenzug gekannt hatte, sollte man auf den ersten Blick erkennen können, was sich in der jeweiligen Kiste befand. Für jede Tiroler Bezirksstelle des Österreichischen Roten Kreuzes war ein vollständiges MEGUS vorgesehen. So sollte das Material einerseits durch Anforderung von andern Bezirksstellen, wenn für eine größere Anzahl als fünfzehn Patienten nötig, aufgestockt werden können, andererseits wusste jeder in Tirol sofort, mit welchem Material er es zu tun hatte, auch wenn dieses von einer andern Bezirksstellen stammen sollte.

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Ausrollung der einzelnen MEGUS an die Bezirksstellen des Roten Kreuzes Tirol am 6. November 1992 in der Landesverbandsgarage der Rettungswache der Freiwilligen Rettung Innsbruck am Tivoli. – Archiv der Freiwilligen Rettung Innsbruck. Festakt mit dem Präsidenten des Landesverbandes Tirol des Österreichischen Roten Kreuzes, Arthur Thöni (li.), und dem Landeshauptmann von Tirol, Alois Partl, bei der Ausrollung der einzelnen MEGUS an die Bezirksstellen des Roten Kreuzes Tirol am 6. November 1992 in der Landesverbandsgarage der Rettungswache der Freiwilligen Rettung Innsbruck am Tivoli. – Archiv der Freiwilligen Rettung Innsbruck

In der ersten Septemberhälfte 1991 präsentierten Harald Mair und Wolfgang Weitzer mit einer eigens dafür hergestellten Broschüre das System in einer Sitzung des Verbandsausschusses des Landesverbandes Tirol des Österreichischen Roten Kreuzes. Dieser beschloss daraufhin die tirolweite Umsetzung. Am 07. November 1991 wurde das Material für das erste MEGUS bei der Fa. Chemomedica in Wien bestellt. Bei einem Notfallkongress, der im selben Jahr in Bregenz stattfand, stellte man das System erstmals auch der Öffentlichkeit vor. Rund ein Jahr später, am 6. November 1992 wurden die einzelnen MEGUS an die ersten der elf weiteren Bezirksstellen des Österreichischen Roten Kreuzes Tirol ausgerollt.

Mit dem MEGUS wurde ein wichtiger Schritt zur einheitlichen materiellen Vorhaltung für Großunfälle in Tirol gesetzt. Auch heute noch ist das MEGUS, in einer inzwischen den Erfordernissen der modernen Notfallmedizin angepassten Form, ein wichtiges Einsatzmittel um eine große Anzahl an verletzten oder erkrankten Menschen schnell und effektiv versorgen zu können.

1991-1993/94 Reform der Großunfall- und Katastrophenbewältigung, Katastrophenzug Tirol

Wesentliche Merkmale des modernen GUF-/KAT-Wesens verdanken sich einer Reform des Jahres 1993, die sowohl die Einsatzmannschaften als auch die Führung betraf und die Vereinheitlichung weiter vorantrieb. Ausgehend vom Bundesrettungskommando wurde vom Österreichischen Roten Kreuzes Anfang der 1990er-Jahre die Einrichtung von Landes- und Bezirksrettungskommanden vorgesehen, von Seiten der Einsatzmannschaften wurde die Einrichtung von SEG (Schnellen Einsatzgruppen) verlangt. Vom Landesverbandes Tirol wurden neue Alarmpläne vorgelegt und 1992/93 der „Katastrophenzug Tirol“ geschaffen, innerhalb dessen jede Bezirksstelle eine begrenzte Aufgabe im Katastrophenschutz erfüllen sollte. Für die Bezirksstelle Innsbruck-Stadt war darin der Bereich „Kommunikation und Energieversorgung“ vorgesehen.

Damit hatten die alten, bezirksstellenspezifischen Katastrophenzüge ausgedient. Bis März 1993 wurde deswegen beim Roten Kreuz Innsbruck ein überarbeitetes Großunfallkonzept vorgelegt. Dieses sah im Bereich der Führung neben dem bestehenden Bezirksrettungskommandanten und seinem Stellvertreter einen Stab aus fünf Bereichen sowie einem Arzt vor. Darunter schuf man eine Schnell-Einsatz-Gruppe (SEG) für die medizinische Versorgung sowie eine Sonder-Einsatz-Mannschaft (SEM) zum Aufbau der Infrastruktur, die von jeweils einem Bereichskommandanten geführt wurden. Der 1978 aufgebaute Funkwagen wurde durch eine „Mobile Leitstelle“ ersetzt und der Gerätewagen des Katastrophenzuges Innsbruck durch die Werkstätte der Freiwilligen Rettung Innsbruck in ein Großunfallfahrzeug, welches der SEG als Materialfahrzeug zur Verfügung stehen sollte, umgebaut. 1994 trat dann auch ein überarbeiteter Einsatzplan für den Großunfall in Kraft.

Notarztwesen

Im Bereich des Rettungsdienstes stellt der Aufbau des notärztlichen Flugrettungsdienstes und des bodengebundenen Notarztwesens die wichtigste und weitreichendste Entwicklung der 1980er-Jahre dar.

Christophorus 1

1983 wurde innerhalb weniger Wochen in Zusammenarbeit der Freiwilligen Rettung Innsbruck mit Dr. Gerhard Flora (16.06.1930-22.10.2015), dem Leiter der Universitätsklinik für Gefäßchirurgie, dem ÖAMTC sowie der Tyrolean Air Ambulance mit Christophorus 1 der erste Notarzthubschrauber in Österreich gleichsam aus dem Boden gestampft.

Schon seit 1956 hatte es eine vom Innenministerium betriebene und mit einem Flächenflugzeug sowie einem Hubschrauber besetzte Einsatzstelle für einen Flugrettungsdienst am Innsbrucker Flughafen gegeben, von der auch von der Leitstelle der Freiwilligen Rettung Innsbruck Einsatzmittel der Flugrettung angefordert werden konnten. Diese Flugrettungsstelle des Innenministeriums kam allerdings hauptsächlich bei Alpinunfällen zum Einsatz (Einbindung des Bergrettungsdienstes) und die Luftfahrzeuge waren außer bei Anforderung des seit 1971 bestehenden „Bergrettungsärztlichen Flugbereitschaftsdienstes“ der Universitätsklinik für Chirurgie Innsbruck nicht mit einem Notarzt besetzt.

Am 4.5.1983 fand hauptsächlich auf Betreiben des ÖAMTC, der über seinen in der BRD ansässigen Schwesternclub ADAC bereits Erfahrungen im Zusammenhang mit dem sanitätsdienstlichen Hubschrauberwesen sammeln konnte, in Schwechat eine Besprechung zur Einführung eines Rettungshubschraubersystems in Österreich statt. An dieser Besprechung nahmen neben Vertretern des ÖAMTC Dr. Gerhard Flora sowie Vertreter des Tiroler Roten Kreuzes und der Tyrolean Airways teil. Die Zusammenkunft mündete in einem Projektpapier, das als Zeitrahmen für die Präsentation des Systems bereits den Sommer 1983 nennt. Ende Mai 1983 stand als Termin für die Inbetriebnahme des Hubschraubers der 01.07.1983 fest, Anfang Juni wurde bei der Freiwilligen Rettung Innsbruck die erste Informationsveranstaltung für interessierte Sanitäter abgehalten. Ab Mitte des Monats wurden die für den Flugrettungsdienst zugelassenen Sanitäter dann eine Woche lang vom leitenden Ausbildungsarzt der Tyrolean Air Ambulance, Dr. Walter Phlebs, ausgebildet. Am 1. Juli 1983 stand die „Gelbe Libelle“, Christophorus 1, um 6 Uhr früh einsatzbereit am Flughafen Innsbruck.

Die 1984 anstelle der Ecureuil Twin Star als Notarzthubschrauber Christophorus 1 in Betrieb gegangene Alouette III auf dem Innsbrucker Flughafen.

Bei der Maschine handelte sich um eine Ecureuil („Eichhörnchen“) Twin Star Aerospatiale AS 355 F. Sie erreichte eine maximale Flughöhe von 4.900 m, eine Reisegeschwindigkeit von 230 km/h und war mit zwei Tragen ausgestattet. Die Einsatzzeit ab Alarmierung lag bei zwei Minuten. Der Hubschrauber steht heute im Technischen Museum in Wien. Mitte September 1984 wurde die Ecureuil als Christophorus 3 nach Wiener Neustadt verlegt und durch eine Alouette III ersetzt. Die Alouette III war zwar langsamer als der erste Christophorus 1, konnte aber in großen Höhen ihre Leistung besser halten. Die Maschine war zudem mit einer Seilwinde für Taubergungen ausgestattet, weswegen die Flugrettungssanitäter nun auch die Windenführerprüfung ablegen mussten, um auf dem Hubschrauber zum Einsatz kommen zu können. Andere Hubschraubertypen folgten in den folgenden Jahren.

Der 14.02.1988 wurde zum schwärzesten Tag für die Christophorus-Flugrettung. Christophorus 1 stürzte auf dem Rückflug von einem Einsatz am Roten Kogel im Fotschertal bei einem Lawinenabgang, bei dem mehrere Tourengeher verschüttet wurden, ab. Bei dem Unfall kamen der Notarzt Univ.-Doz. Dr. Heiko Fill und der Flugrettungssanitäter vom Roten Kreuz Innsbruck Dietmar Hahn ums Leben, der Bergretter Hans Salchner sowie der Pilot überlebten schwerverletzt. Die Ursache des Absturzes konnte bis heute nicht geklärt werden.

Als Ersatz für die abgestürzte Maschine wurde die Alouette III vom Stützpunkt Landeck nach Innsbruck verlegt und die SA 315 „Lama“, welche als Ersatzhubschrauber fungierte, in Landeck zum Einsatz gebracht. Der Absturz stellte außerdem einen Impuls dar, sich zunehmend mit der Frage der Flugsicherheit auf den Notarzthubschraubern zu auseinanderzusetzen. Die damals noch durchgeführten Nachtflüge wurden per Dienstanweisung eingedämmt und man machte sich auf die Suche nach einem Hubschraubermodell mit zwei Turbinen, damit – anders als bei der einturbinigen Alouette III – auch bei Ausfall einer Turbine noch Antriebsleistung zur Verfügung stand. Ein doppelturbiniges Modell, das hochgebirgstauglich gewesen wäre und mit einer Seilwinde ausgestattet werden hätte können, war auf dem Markt allerdings nicht erhältlich. Aus diesem Grund beschränkte man sich zunächst darauf, das Gewicht der Maschine zu reduzieren, u. a. indem sie nicht mehr mit Mannschaften zu vier, sondern nur mehr mit solchen zu drei Mann besetzt werden sollte. Erst zwei Hubschraubertypen später konnte der Wunsch nach einer Maschine mit zwei Triebwerken durch eine Écureuil AS355 N erfüllt werden.

Das Ende des Abenteuers „Notarzthubschrauber“ kam für die Freiwillige Rettung Innsbruck mit Ende des Jahres 1997. Auf ausdrücklichen Wunsch des ÖAMTC stellte sie ab Anfang 1998 keine Flugrettungssanitäter mehr. Der Autofahrerclub kümmerte sich ab diesem Zeitpunkt selbst um das nichtärztliche Personal und seine Ausbildung. Mitgliedern der FRI wurde es allerdings freigestellt, in ihrer Freizeit unter dem System des ÖAMTC nach wie vor als Flugrettungssanitäter tätig zu sein. Die Disponierung des Notarzthubschraubers verblieb bis zu ihrem Ende im November 1999 weiterhin bei der Leitstelle der Freiwilligen Rettung Innsbruck und wurde danach von der Bereichsleitstelle Tirol Mitte übernommen.

Der erste Notarztwagen und das NEF-System Tirol Mitte

Erst zwei Jahre, nachdem Christophorus I startbereit am Flughafen stand, wurde im Jahre 1985 mit dem Notarztwagen (NAW) ein bodengebundenen Notarztmittel in Innsbruck in Betrieb genommen. Anders als beim Notarzthubschrauber gestaltete sich die Einrichtung aber als sehr schwierig und langwierig.

Bereits 1973 hatte es erste Bemühungen gegeben, einen Notarztwagenbetrieb in Innsbruck zu installieren. Beteiligt waren Univ.-Prof. Dr. Bruno Haid von der Universitätsklinik für Anästhesie, Univ.-Prof. Dr. Hans Reissigl (Chefarzt des Landesverbandes Tirol des Österreichischen Roten Kreuzes) und die Freiwillige Rettungsgesellschaft Innsbruck. Anfang 1975 wurden stundenweise und nachts erste Versuche zum praktischen Betrieb eines Notarztwagens unternommen, ab 17. Feber 1975 lief ein rund um die Uhr geführter dreiwöchiger Probebetrieb an. Fahrer und Beifahrer wurden von der Freiwilligen Rettungsgesellschaft Innsbruck, die Ärzte durch die Universitätsklinik Innsbruck gestellt, die Alarmierung erfolgte durch die Rettungsleitzentrale der Freiwilligen Rettungsgesellschaft Innsbruck. Standort des Fahrzeuges – eines von Professor Reissigl über den Österreichischen Herzfond angeschafften Peugeot J7, dessen Inneneinrichtung von der Tiroler Gebietskrankenkasse finanziert worden war – war der Innenhof des Chirurgiegebäudes der Innsbrucker Klinik.

Dieser erste Probebetrieb war organisatorisch allerdings denkbar schlecht aufgestellt: Einerseits waren verschiedene rechtliche Fragen, darunter die des Rechtsträgers eines NAW-Betriebes und jene der Haftung bei extramuraler Tätigkeit von Klinikärzten nicht geklärt, andererseits leisteten die Ärzte ihren NAW-Dienst im Rahmen ihrer normalen Dienstzeit im Krankenhaus. Zweiteres bedeutete, dass die Ärzte nicht ausfahren konnten, wenn sie zeitgleich mit einem Notfall anderen Tätigkeiten an der Klinik nachgehen mussten, ersteres aber eine gewisse rechtliche Unsicherheit bei den Ärzten in Bezug auf ihren Einsatz auf dem NAW. Zudem bestand von Seiten der Ärzteschaft eine grundlegendes Misstrauen gegenüber dem völlig neuen Konzept, den Arzt zum Patienten zu bringen. Diese Faktoren führten dazu, dass sich Ärzte, die dem NAW zugeteilt worden waren, immer wieder weigerten, auszufahren.

Am frühen Morgen des 08.03.1975 ereignete sich ein tragischer Vorfall, der durch alle Zeitungen ging und für die Freiwillige Rettungsgesellschaft Innsbruck das Fass zum Überlaufen brachte: Nachdem sich zwei Ärzte wieder einmal geweigert hatten, zu einem Notfall auszurücken, brachte ein Rettungswagen die Patientin zwar ins Krankenhaus, fand die Portierloge jedoch unbeleuchtet und die Notfallaufnahme versperrt vor. Weder der Portier der Klinik noch die Medizinische Notfallaufnahme hatten von der Zentrale für ein Aviso rechtzeitig erreicht werden können. Erst beim sechsten Anruf gelang die Verbindung. Die Patientin, die mittlerweile einen Atem-Kreislauf-Stillstand erlitten hatte, wurde zwar von letztendlich herbeigeholten Ärzten reanimiert, verstarb aber trotzdem in der Klinik. Aufgrund dieses Ereignisses stellte die Freiwillige Rettung Innsbruck den Notarztwagenbetrieb mit sofortiger Wirkung ein, bis die offenen Fragen geklärt wären. Da eine Klärung nie stattfand, ging auch der NAW nicht mehr in Betrieb. Das Fahrzeug wurde zunächst bei der Bezirksstelle Hall des Österreichischen Roten Kreuzes in Bereitschaft gehalten, später verkauft und landete 1979 im Besitz einer pensionierten Innsbrucker Krankenschwester, die es 1984 noch als Campingbus verwendete.

In den folgenden zehn Jahren wurde die Frage der Einrichtung eines notärztlich besetzten bodengebundenen Rettungsmittels auch in der Presse immer wieder diskutiert. Man empfand es berechtigterweise als unbefriedigend, dass mit Christophorus I zwar ein ständig und mit dem Flugrettungsdienst des Innenministeriums ein immerhin fallweise mit einem Notarzt besetztes Luftfahrzeug vorhanden war, der bodengebundene Rettungsdienst aber nach wie vor auf ärztliche Unterstützung verzichten musste. Gleichzeitig gab es durchaus erstzunehmende Vorschläge für ein Notarztsystem in Innsbruck. So schlug z. B. der Obmann der Freiwilligen Rettung Innsbruck, Ing. Karl Pobitzer, 1983 öffentlich ein Rendezvoussystem (Arzt kommt unabhängig vom Rettungswagen mit eigenem Auto zum Notfallort und steigt dort zur Patientenversorgung auf den Rettungswagen um) vor. Trotzdem wurde die Einrichtung eines Notarztwagenbetriebes aus politischen, aber auch aus sachlichen Gründen – keine Einigung über rechtliche Voraussetzungen, Personalfrage, Kostenübernahme etc. – immer wieder verzögert.

In diese Situation hinein nahm der Arbeiter-Samariter-Bund am 25.08.1984 am Standort Olympisches Dorf einen gebraucht vom Deutschen Roten Kreuz erworbenen und für Innsbruck in Eigenregie adaptierten Mercedes Transporter als Notarztwagen mit insgesamt vier, später offenbar sechs Ärzten an den Wochenenden in Betrieb. Der Wagen musste zwar unter der Telefonnummer des Arbeiter-Samariter-Bundes Innsbruck (Gruppe Zirl/Kitzbühel) direkt angefordert werden, da er nicht von der Leitstelle der Freiwilligen Rettung Innsbruck disponiert wurde, es wurden damit aber neue Tatsachen geschaffen, durch die das Projekt „Notarztwagen für Innsbruck“ einen Drall zur Umsetzung erfuhr.

Einige Monate später entschloss sich das Österreichische Rote Kreuz im Rahmen der vom 22. bis 27.10.1984 in Wien stattgefunden habenden Van-Swieten-Tagung, seinen Landesverbänden insgesamt zehn Notarztwägen zur Verfügung zu stellen. Eines der rund 1 Mio. Schilling teuren Fahrzeuge war für Innsbruck vorgesehen und wurde wohl Ende November zugestellt. Damit stand der Freiwilligen Rettung Innsbruck, welche in der Landeshauptstadt immerhin den öffentlichen Rettungsdienst stellte, ebenfalls ein Fahrzeug zur Verfügung. Ihre zunehmend stärker werdenden Ambitionen, selbst auch einen Notarztwagen zu betreiben, führten zu kurzzeitigen, öffentlich ausgetragenen Spannungen zwischen ihr und dem Arbeiter-Samariter-Bund.

Nachdem ab November 1984 nun zwei Autos für einen Notarztwagenbetrieb in Innsbruck tatsächlich vorhanden waren und es auch von Seiten der Innsbrucker Stadtpolitik, namentlich in der Person von Bürgermeister Romuald Niescher, deutliche Signale in Richtung einer zügigen Einrichtung eines bodengebundenen Notarztwesens in Innsbruck gab, wurden ab Februar 1985 auf Initiative des Landesrates für Soziales, Dr. Fritz Greiderer, die ersten konkreten Schritte gesetzt. So fanden mehrere Besprechungen mit Vertretern der Stadt und Obmann Ing. Karl Pobitzer sowie Dienstleiter Rudolf Stampfer von der Freiwilligen Rettung Innsbruck statt. Im Juli 1985 legten die Vertreter der FRI dann einen Organisationsplan für einen Notarztwagenbetrieb in Innsbruck vor, der auch eine Mitwirkung des Arbeiter-Samariter-Bundes am Wochenende vorsah. Die Alarmierung sollte durch die Leitstelle der FRI erfolgen. In einer weiteren Besprechung, an der auch Siegfried Binder vom Arbeiter-Samariter-Bund Tirol teilnahm, wurde der in Rede stehende Plan konkretisiert. Dr. Greiderer nahm Verhandlungen mit der Tiroler Gebietskrankenkasse über den Kostenersatz für die Einsatzfahrten sowie die Finanzierung des Verbrauchsmaterials auf. Die Sachkosten der FRI sollten anteilsmäßig auch vom ASBÖ getragen werden. Zum Einsatz waren Jungärzte vorgesehen, deren Ausbildung von Prof. Franz Dienstl, der schon im Feber 1985 aufgrund der sich abzeichnenden Entwicklungen NAW-Grundschulungen für Sanitäter der Freiwilligen Rettung Innsbruck durchgeführt hatte, für das Land Tirol übernommen werden sollte.

Der erste von der Freiwilligen Rettung Innsbruck betriebene Notarztwagen im Jahre 1985.

Am 18.11.1985 konnte – einen Tag nach dem ersten von Univ.-Prof. Dr. Gerhard Flora ins Leben gerufenen „Innsbrucker Notfallsymposium“ – der Notarztwagenbetrieb für Innsbruck tatsächlich aufgenommen werden. Die ärztliche Leitung hatte Univ.-Prof. Dr. Herbert Benzer inne, leitender Notarzt war OA Dr. Johann Koller. Standort des Fahrzeuges war bis 1988 der ehemalige Chirurgie-Haupteingang, dann der mit dem Umbau des Chirurgiegebäudes neu geschaffene Stützpunkt an der Innerkoflerstraße, wo sich noch heute der Stützpunkt des NEF (Notarzteinsatzfahrzeug), des Nachfolgers des NAW befindet.

Die Zusammenarbeit mit dem Arbeiter-Samariter-Bund, der wie geplant die Wochenenddienste übernahm, gestaltete sich schwierig. Schon am ersten Wochenende konnte der ASB den NAW-Dienst nicht stellen, aber auch später musste die Freiwillige Rettung Innsbruck immer wieder kurzfristig einspringen. Außerdem gab es von Seiten der Ärzteschaft Kritik an der mangelnden Ausstattung des Fahrzeuges. Anfang Dezember 1988 beendete der ASB schließlich aus wirtschaftlichen Gründen die Zusammenarbeit. Die Freiwillige Rettung Innsbruck, die mittlerweile ein zweites Fahrzeug angeschafft hatte, übernahm von da an auch die ständigen Wochenenddienste. Als sich der ASB im Frühsommer 1989 nocheinmal für eine Besetzung des NAW interessierte, lehnte die FRI wegen eines laufenden Konkursverfahrens gegen den Arbeitersamariterbund – Gruppe Innsbruck als Rechtsnachfolgerin der Gruppe „Kitzbühel-Zirl“, die den NAW betrieben hatte, ab.

Das zunehmende Einsatzaufkommen des NAW sowie die Überalterung der Fahrzeuge machten schon nach wenigen Jahren Betriebs Überlegungen zu einer Weiterentwicklung des bodengebundenen Notarztwesens notwendig. Aus diesem Grund beschäftigte sich bereits 1995 eine Arbeitsgruppe mit der Einrichtung eines NEF-(Notarzteinsatzfahrzeug)-Systems unter Einbeziehung der Umlandgemeinden. Die Initiative war ursprünglich von den Tiroler Landeskrankenanstalten ausgegangen, die an den Landesverband Tirol des Österreichischen Roten Kreuzes mit dem Ziel herangetreten waren, ein NEF-Modell für die durch den NAW unterversorgten Umlandgemeinden zu entwickeln. Die sanitätstechnische Organisation wurde in die Hände der Bezirksstellen Hall, Innsbruck-Land und hauptverantwortlich Innsbruck-Stadt des Österreichischen Roten Kreuzes gelegt. Für den Aufbau des Fahrzeuges, einen Mitsubishi Space Wagon 4WD, wurde bei der Freiwilligen Rettung Innsbruck eine Planungsgruppe aus Ärzten, erfahrenen NAW-Sanitätern und der Werkstätte der FRI eingerichtet.

Die interessierten Gemeinden wurden über Teilnehmerverträge an ein gemeinsames Versorgungsnetz angeschlossen. Im Rahmen des 11. Notfallsymposiums am 4.11.2000 wurde das Fahrzeug schließlich offiziell übergeben und nahm am 17.11.2000 seinen Dienst auf. Der Betrieb erfolgte zusätzlich zum NAW. Dabei wurde nur ein Drittel der Einsätze innerhalb des Innsbrucker Stadtgebiets abgewickelt, sofern der NAW auch unterwegs war. Allerdings waren die Anfahrtszeiten vor allem im entlegene Gebiete mitunter enorm. Deswegen wurde mit 01.01.2005 das sich seit September 2004 in Planung befunden habende Notarztsystem Tirol Mitte geschaffen. Es besteht nach wie vor aus einem in Innsbruck (Klinik), einem in Hall und einem in Schönberg stationierten Notarzteinsatzfahrzeug.

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Ernst Pavelka