Exponat des Monats 10/2018

Aus Rotkreuz Museum Innsbruck
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Im ⇨ Online-Museum wird jeden Monat ein Gegenstand aus dem ⇨ Archiv der Freiwilligen Rettung Innsbruck vorgestellt.

Der Funkwagen der Freiwilligen Rettung Innsbruck in zeitgenössischen Aufnahmen, 1978 bis 1984

Im Oktober 1978 wurde bei der Freiwilligen Rettung Innsbruck mit dem Aufbau des sogenannten „Funkwagen“ begonnen. Wahrscheinlich handelte es sich dabei um die erste mobile Funkeinsatzzentrale eines österreichischen Rettungsdienstes. Der Funkwagen kann als Vorläufer heutiger mobiler Leitstellen, aber auch mit entsprechenden nachrichtentechnischen Einrichtungen ausgestatteter Einsatzleiterwägen gelten. Mit mobilen Leistellen kann durch möglichst transportabel untergebrachte, modulare Komponenten eine autark funktionierende technische Ausrüstung zur Nachrichtenübermittlung und zur Koordination von Einsatzkräften bei Großschadensereignissen oder Großambulanzen nahe an das Geschehen herangebracht werden.

Der Funkwagen der Freiwilligen Rettung Innsbruck im Jahr seiner Inbetriebnahme, 1978. – Diapositiv, 35x24 mm. – Archiv der Freiwilligen Rettung Innsbruck

Die Katastrophenübung am 22.04.1978

Der Aufbau des Funkwagen ist im Kon­text ei­ner Reorganisation der Einrichtungen für den Katastrophenschutz in den Jahren 1973 bis 1979 zu sehen. Diese bestand einerseits in einer Neuaufstellung des Katastrophenzuges der Freiwilligen Rettung Innsbruck, anderseits von Seiten des Landesverbandes Tirol des Österreichischen Roten Kreuzes wie des Landes Tirol in Be­mühungen um eine Zusammenarbeit der verschiedenen im Zivilschutz tätigen Organisa­tionen zum Zwecke der Vereinheitlichung. Die Bemühungen umfassten neben der Herstellung eines Landeskatastrophen­konzeptes auch erste Schritte, der Uneinheitlichkeit des Sprechfunkes der ver­schieden Ti­roler Rotkreuz-Bezirksstellen, die ihre Funkanlagen auf je­weils unterschiedlichen Frequenzen be­trieben, beizu­kommen.

Am Nachmittag des 22. April 1978 hatte in Innsbruck eine Großeinsatzübung unter der Organisati­on der Bezirkseinsatzlei­tung der Stadt Innsbruck stattgefunden, bei der ein Erdbeben der Stärke 8,5 nach Mer­calli-Sieberg mit rund 450 Schwerverletzten zur Übungsannahme gemacht wurde. Die Übungsan­nahme war einem am 6. Mai 1976 in Friaul stattgefunden habenden Erdbeben mit rund 1000 Toten nachempfunden worden. An der Übung nahmen rund 2500 Personen teil. Sie setzten sich zusammen aus Kräften des Roten Kreuzes Innsbruck, allen anderen Tiroler Rotkreuz-Bezirksstellen, der Berufsfeuer­wehr Inns­bruck, des Österreichischen Bundesheeres sowie aus Zivilpersonen (2/3 der Teil­nehmer) in den sog. Hilfestationen (HIS­TA) der Stadt Innsbruck. Eingebunden waren außerdem Amateurfunker, die Öster­reichischen Bun­desbahnen mit einem Hilfszug, das Ein­kaufszentrum DEZ, der alte Flughafen und au­ßer dem Landeskrankenhaus Innsbruck die Kranken­häuser Natters, Sanatorium der Barmherzigen Schwes­tern Kettenbrücke und das Sanatorium der Kreuzschwestern Hochrum. Insgesamt waren 59 Sanitäts- und 31 sonstige Fahrzeuge im Einsatz. Die Gesamteinsatzleitung lag beim Landesrettungskom­mandanten von Tirol, dem Obmann des Roten Kreuzes Innsbruck, Ing. Karl Pobitzer.

Herbert Gyß: Der Funkwagen der Freiwilligen Rettung Innsbruck zwischen dem sog, „Gerätewagen“ (li.) und dem Pinzgauer (re.), den beiden anderen damaligen Katastrophenfahrzeugen der Freiwilligen Rettung Innsbruck, 1982. – Fotografie, s/w, 13x9 cm (BxH). – Die Aufnahme entstand ursprünglich für die Festschrift zum 75-jährigen Bestandsjubiläum der Freiwilligen Rettung Innsbruck. – Archiv der Freiwilligen Rettung Innsbruck.

Bei der anschließenden Auswertung der Übung hatte sich neben kleineren Mängeln das Fehlen eines einheitlichen Funksystems als das größte Problem erwiesen. Die einzelnen Tiroler Be­zirksstellen betrieben durch den jeweils autonomen Ausbau ihrer Funkanlagen die Geräte nicht nur auf unterschiedlichen Frequenzen, sondern zudem teils im 2-Meter-, teils im 4-Meter-Band. Da man bei den damaligen Funkgeräten die Frequenzen nicht umschalten konnte, sondern je nach Ge­rät nur auf einem oder zwei Kanälen mit fest eingestellter Frequenz zu funken vermochte, stellte dies ein er­hebliches Hindernis beim überregionalen Einsatz der Rettungskräfte dar. Die Verständigung der Ret­tungswägen unterschiedlicher Bezirksstellen unterein­ander war dadurch meist nicht mög­lich. Die Abwicklung des Sprechfunkverkehrs erfolgte über die Einsatzzentrale der Feuerwehr was zu Infor­mationsverlusten bei der Weitergabe von Meldungen an die Rettung führte. Zusätzlich kam es zu einer Überlastung des Funksystems, sodass man auf die Amateurfunker zurückgreifen hatte müssen.

Aufgrund der Erfahrungen aus der Erdbebenübung bekam bei der Freiwilligen Rettung Innsbruck das Projekt eines „Funkwagen“, der wahrscheinlich seit Mitte 1977 in Planung gewesen war, einen Schub zur Umsetzung. Man wollte eine fahrbare Kommandozentrale schaffen, die auch von ungünstig gelegenen Standorten aus sämtliche für den Katastropheneinsatz benötigte Funkbereiche bedienen und so Sprechfunkverbin­dungen zu den Tiroler Rotkreuz-Bezirksstellen, den Landesverbänden anderer Bundesländer, zu den Behörden und ins Ausland herstellen konnte.

Die Errichtung des Funkwagen

Wahrscheinlich Anfang Oktober 1978 hatte der Funkbeauftragte der Freiwilligen Ret­tung Innsbruck, Max Zambai, gemeinsam mit Obmann Ing. Karl Pobitzer die Rettungsleitzentrale München be­sichtigt. München hatte damals die mo­dernste Rettungsleitstelle in Europa. Nach ihrem Vorbild wurde nach dem Besuch die Rettungsleitzentrale Innsbruck, die 1980 als Nachfolgerin der alten Leitstelle in Betrieb gegangen war, geplant. Ein weiteres Ergebnis des Besuchs war aber die Einsicht in die absolute Notwendigkeit eines Funkwagen.

Herbert Gyß: Kommandotisch im Funkwagen der Freiwilligen Rettung Innsbruck, 1982. – Fotografie, s/w, 9x13 cm (BxH). – Die Aufnahme entstand ursprünglich für die Festschrift zum 75-jährigen Bestandsjubiläum der Freiwilligen Rettung Innsbruck. – Archiv der Freiwilligen Rettung Innsbruck. – Auf dem Tisch liegen Exemplare jener Broschüre, die zur Eröffnung der Rettungsleitzentrale Innsbruck am 25. Oktober 1980 aufgelegt wurde.

Als Basis wurde um öS 117.000,–– ein Kastenwagen der Marke Steyr-Fiat angekauft. Mit der kommunikationstechnischen Ausstattung wurde Ing. Walter Beham betraut. Ing Beham war beruflich am Flughafen Innsbruck für die technische Nachrichtenübermittlung zuständig gewesen. Mit ihm hatte man einen hochgradigen Spezialisten auf diesem Gebiet an der Hand gehabt.

Die technische Ausstattung unfasste:

  • 12 Feldtelefon-Anschlüsse, wobei 2 Amtsleitungen direkt an das öffentliche Fernsprechnetz an­geschlossen werden konnten.
  • 1 Pufferstufe
  • 2 UKW-Geräte im 4-m-Band mit je 88 Kanälen
  • 2 UKW-Geräte im 2-m-Band
  • 1 Katastrophen-Funkstation des Landes Tirol
  • 1 CB-Funkstation mit 12 Kanälen
  • 1 Amateurfunk-Station (UKW)
  • 1 Amateurfunk-Station (KW), mit der weltweit gearbeitet werden konnte.
  • 1 UKW-Gerät für Rot-Kreuz-Funk
  • 1 Flugfunkgerät zur Sprechverbindung mit dem Tower des Innsbrucker Flughafens.
  • Tonbandgeräte zur Aufzeichnung der Gespräche
  • 1 Fernsehgerät
  • 1 Autoradio-Gerät (LW, MW, KW u. UKW)
  • 1 Stromgenerator zur Selbstversorgung mit der notwendigen Energie
  • Blaulichtbalken.
  • Folgetonhorn
  • Lautsprecheranlage.

Die Inbetriebnahme der Anlage dauerte durch den Aufbau der Anten­nen und des Stromaggregates letztendlich rund zwanzig Minuten, für den Betrieb als solchen wurden vier Fun­ker benötigt. Die Kosten für das ganze Fahrzeug betrugen öS 750.000,––.

Die Einholung der technischen Betriebsbewilligungen für die Geräte hatte schon vor Oktober 1978 begonnen. Am 06.09.1978 stellte man außerdem einen Antrag auf „Bewilligung zur Errichtung und zum Betrieb einer Amateurfunkstelle der Leistungsklasse C am Standort Rotes Kreuz, Sillufer 3, Innsbruck und zum beweglichen Betrieb der Funkstelle im gesamten Bundesgebiet“. Es wurde damit ein Amateurfunkgerät auf 2-Meter-Band betrie­ben. Per Anschlag im Aufenthaltsraum eröffnete man interessierten Mitgliedern die Möglichkeit, eine Amateurfunkausbildung zu absolvieren. Eine Ausbildungsmöglichkeit, die am 29.01.1979 begann und über Jahre bestehen bleiben sollte. Die Bewilligung zum Amateurfunkbetrieb besitzt das Rote Kreuz Innsbruck nach wie vor.

Herbert Gyß: Kommunikationseinheit mit Bedienpersonal im Funkwagen der Freiwilligen Rettung Innsbruck, 1982. – Fotografie, s/w, 9x13 cm (BxH). – Die Aufnahme entstand ursprünglich für die Festschrift zum 75-jährigen Bestandsjubiläum der Freiwilligen Rettung Innsbruck. – Archiv der Freiwilligen Rettung Innsbruck.

Gleichzeitig mit den technischen Betriebsbewilligungen musste man allerdings auch die Bewilligun­gen für die Mitbenutzung der Funkfrequenzen der Tiroler Bezirksstellen sowie der anderen Landesver­bände des Österreichischen Roten Kreuzes und der Behörden, an die man angebunden sein wollte, einholen. Insbesondere die Erlangung der Einverständniserklärungen der anderen Rotkreuz-Bezirksstellen gestaltete sich schwierig, weil diese ihre Funkfrequenzen wie ihre Augäpfel hüteten und der Mit­benutzung durch die Freiwillige Rettung Innsbruck skeptisch gegenüberstanden. Die Einver­ständniserklärungen wurden daher über den Umweg des Landesverbandes Tirol des Österreichi­schen Roten Kreuzes eingeholt. Zwischen September 1978 und September 1979 langten die Mitbenützungsbewilligungen der Tiroler Rotkreuz-Bezirksstellen, der Landesverbände Wien, Steiermark, Kärnten, Burgenland, Salzburg, Oberösterreich, Vorarl­berg, Niederösterreich des Österreichischen Roten Kreuzes, des Militärkommandos Tirol, der Tiroler Bergwacht'', des Landesfeuerwehrverbandes Tirol, des Bundesamtes für Zivilluftfahrt sowie des Weißen Kreuzes Italien ein.

Der Wagen mit dem Funkrufnamen „Innsbruck 35“ und dem amtlichen Kennzeichen „T 90.035“ fuhr wohl am 19.06.1979 erstmals aus: In der Auflistung der Kilometer­leistungen zu den Bilanzen für das Jahr 1979 wird er mit dem genannten Datum mit einem Kilome­terstand von 0 angeführt, bis 31.12.1979 war er 1531 km weit gefahren. Das klingt insofern plau­sibel, als das Fahrzeug vor der 72. Jahreshauptversammlung der Freiwilligen Rettung Innsbruck im Rahmen einer Ausstellung über die neuen Katastrophenschutzeinrichtungen der Öffentlichkeit das erste Mal vorgestellt worden war.

Realeinsätze

Der Funkwagen wurde wahrscheinlich beim Absturz des us-amerikanischen Weltraumlabors „Sky­lab“ am 10. und 11. Juli 1979 erstmals real eingesetzt. Er war vom 10.07., 21 Uhr, bis 11.07.1979, 17:43 Uhr, in ständiger Einsatzbereit­schaft und zeichnete für den Fall eines Absturzes über Österreich sämtliche Amateur- und Rund­funkansagen den Absturz betreffend auf. Das Weltraumlabor stürzte letztendlich denn doch über dem Indischen Ozean und West-Australien ab.

Der Funkwagen als mobile Einsatzleitzentrale bei der Ambulanz für den Landesfestzug zum 175-jährigen Jubilä­um des Tiroler Freiheitskampfes am 09.09.1984. – Fotografie, s/w, 9x13 cm. – Archiv der Freiwilligen Rettung Innsbruck.

Während Auslandseinsätzen, die üblicherweise vom Tiroler Roten Kreuz ausgingen, normalerweise aber von den Bezirksstellen und vor allem der Freiwilligen Rettung Innsbruck durchgeführt wurden, stellte der Funkwagen die Gegenstelle auf österreichischer Seite für den Sprechfunkverkehr auf Kurzwellenfrequenzen dar. Dies betraf unter anderem einen aus 34 Fahrzeugen bestehenden Hilfs­konvoi des Tiroler Roten Kreuzes, der von 7. bis 9.12.1980 rund 190 Tonnen an Hilfsgütern der Ti­roler Bevölkerung in ein süditalienisches Erdbebengebiet transportierte. Bei dem Erdbeben am 23.11.1980 in der Umgebung von Neapel waren 3.000 Menschen umgekommen, 1600 wurden ver­misst und 200.000 obdachlos. Die Funkverbindung funktionierte aufgrund der schwierigen Ausrichtung von Kurzwellenantennen allerdings mehr schlecht als recht, sodass alternativ immer wieder zum Telefon gegriffen werden musste.

Neben dem Einsatz zum Aufbau derartiger überregionaler Sprechfunkverbindungen, wurde der Funkwagen auch bei kleineren Einsätzen in Betrieb genommen. Dies war immer wieder vor allem bei Bergungen gemeinsam mit der Bergrettung im für den Sprechfunkverkehr ungünstig gelegenen Ge­lände der Fall. Der Funkwagen war in einem solchen Fall oft die einzige Möglichkeit, Sprechfunk überhaupt verwenden zu können.

Der Wagen wurde mit Sicherheit regelmäßig bei Großambulanzen als mobile Einsatzleitzentrale aufgefahren, auch bei Großübungen wurde immer wieder eingesetzt.

Das Ende des Funkwagens

Das Konzept des Funkwagen geriet bereits 1993 im Zusammenhang mit der Ablösung des Katastro­phenzuges der Freiwilligen Rettung Innsbruck durch die Einführung der Schnelleinsatz-Gruppen (SEG) sowie der Sondereinsatzmannschaft (SEM) in die Kritik. In einem Großunfallkonzept des Bezirksret­tungskommandos von Februar 1993 heißt es, dass für das Fahrzeug Ersatzteile nicht mehr erhältlich wären, wegen der Einsatzhäufigkeit eine mobile Leitstelle aber dennoch unerlässlich wäre, sodass die „überblähte Ausrüstung“ auf das Notwendigste reduziert und ein etwaiges Funkfahrzeug mit ei­nem Einsatzleitfahrzeug kombiniert werden sollte. Als Grund werden die höhere Flexibilität und die geringeren Kosten angegeben: „Aus Sicht der finanziellen Aufwendungen wird es immer schwieri­ger[,] Sonderfahrzeug[e][,] die nur selten zum Einsatz kommen[,] zu finanzieren“. Gleich­zeitig lie­fen mit dem Jahre 1996 offenbar die Typenzulassungen für die Funkgeräte aus.

Darüber, ab wann genau der Funkwagen nicht mehr in Betrieb war und was mit der in ihm verbau­ten Nachrichtentechnik passierte, lässt sich ein rundes Bild nicht gewinnen. Sicher ist, dass der Wagen ausgeschlachtet wurde. Ein Teil der Geräte kam in der Leitstelle zum Einsatz, ein anderer Teil wurde in Kisten eingebaut. Sicher ist auch, dass sich in einem im Sommer 1997 angeschafften, multifunktionalen Katastrophenanhänger eine Funkkiste befun­den hatte. Das Fahrzeug selbst wurde verkauft.


Ernst Pavelka