Exponat des Monats 11/2018

Aus Rotkreuz Museum Innsbruck
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Im ⇨ Online-Museum wird jeden Monat ein Gegenstand aus dem ⇨ Archiv der Freiwilligen Rettung Innsbruck vorgestellt.

Klappenschrank, ~1938-1960

Nicht jedes Stück in der Sammlung des Archivs der Freiwilligen Rettung Innsbruck stammt unmittelbar aus dem Betrieb eines der Tätigkeitsberiche des Roten Kreuzes Innsbruck. Manches gelangt – bisweilen auf abenteuerlichen Umwegen – aus andern Quellen in das Archiv. In den meisten dieser Fälle besteht aber zumindest ein funktionaler Zusammenhang zwischen dem Archivale und irgendeiner der Aufgaben des Innsbrucker Roten Kreuzes oder es bestand ein wie auch immer geartetes Arbeitsverhältnis zur eigentlich bestandsbildenden Organisation oder Person.

Der hier vorgestelle sog. „Klappenschrank“ wurde von einem jahrzehntelangen Mitglied zum Archiv der Freiwilligen Rettung Innsbruck gebracht, nachdem er bei der Innsbrucker Post- und Telegraphendirektion ausgemustert worden war. Erleichtert wurde der Vorgang durch den Umstand, dass das in Rede stehende Mitglied selbst bei der Fernmeldebehörde der Post angestellt gewesen war. Die Datierung auf frühestens 1938 ist nicht gesichert, der letzte Prüfvermerk stammt vom 24.05.1960.

Klappenschrank der Österreichischen Post- und Telegraphendirektion Innsbruck (Holz, Metall, Kunststoff), 41x18x68,5 cm (BxTxH), ~1938-1960. – Archiv der Freiwilligen Rettung Innsbruck.
Beim abgebildeten Klappenschrank handelte es sich um ein kleines Gerät mit 46 Anschlüssen und 12 (6 Paare) Steckerkabeln. Die Freiwillige Rettungsgesellschaft Innsbruck hatte ein ähnliches, wenn auch größeres Gerät in der Rettungswache in der Wilhelm-Greil-Straße 23 zur internen Telefonvermittlung in Betrieb. Ein kleineres Gerät befand sich außerdem in der Ausstattung des Funkwagen, um Sprechverbindungen zwischen den ebenfalls darin befindlichen Feldfernsprechern vermitteln zu können.

Beginn der Telefonie in Österreich und in Innsbruck

Am 3. Juni 1881 hatte die Wiener Privat-Telegraphen-Gesellschaft vom K.k. Handelsministerium die erste Konzession zur Errichtung eines Telefonnetzes innerhalb der österreichischen Reichshälfte erhalten. Am 1. Dezember nahm sie die erste Fernsprechvermittlungsstelle in Wien in Betrieb. Es handelt sich um die Geburtsstunde der Telefonie in Österreich. Beim Wiener Ringtheaterbrand sieben Tage später, der Anlass zur Gründung der Wiener Freiwilligen Rettungsgesellschaft als erster Rettungsgesellschaft in Österreich gegeben hatte, verbrannte vermutlich das erste Telefon in Österreich. Ironischerweise war das Wiener Ringheater nämlich mit einem Telefonanschluss ausgestattet gewesen, nicht aber die Feuerwehr, was zu erheblichen Verzögerungen bei der Alarmierung geführt hatte.

Am 20. Juni 1893 wurde im Hause Stainerstraße 3 die erste Telefonvermittlungszentrale in Innsbruck offiziell für den Fernsprechverkehr freigegeben. Es gab 30 Anschlüsse und drei öffentliche Sprechstellen. Die Gebühr betrug für die ersten zwei Minuten 10 Kronen, für jede weiteren drei Minuten noch einmal 10 Kronen und Telefonate durften nur in Ausnahmefällen länger als sechs Minuten dauern. Bis 1896 war die Anzahl der Telefonanschlüsse auf 159, im Jahre 1904 auf 335 angewachsen.

Klappen zur Signalisierung eines Anrufes. – Klappenschrank der Österreichischen Post- und Telegraphendirektion Innsbruck (Holz, Metall, Kunststoff), 41x18x68,5 cm (BxTxH), ~1938-1960. – Archiv der Freiwilligen Rettung Innsbruck.
Die Klappen wurden durch einen Haken, der durch einen Elektromagneten gehalten wurde, fixiert und beim Anlegen von Wechselstrom am Magneten, erzeugt durch einen Kurbelinduktor am Fernsprecher der anrufenden Sprechstelle, gelöst, sodass sie herunterfielen.

Als die Rettungsabteilung der Freiwilligen Feuerwehr Innsbruck im Zuge einer Adaptierung der Stationsräumlichkeiten im Neuen Rathaus im Jahre 1909 ihren ersten Telefonanschluss erhielt, befand sich die Post- und Telegraphenverwaltung seit einem Jahr in der damaligen Maximilianstraße 24 (seit 1918 Maximilianstraße 2). Im selben Jahr wurde nicht nur zwischen Innsbruck und Vorarlberg, sondern auch zwischen Innsbruck und Steinach sowie Matrei am Brenner der Telefonbetrieb aufgenommen.

Verbindung zwischen den Anschlüssen 13 und 10. – Klappenschrank der Österreichischen Post- und Telegraphendirektion Innsbruck (Holz, Metall, Kunststoff), 41x18x68,5 cm (BxTxH), ~1938-1960. – Archiv der Freiwilligen Rettung Innsbruck.
Das „Fräulein vom Amt“ stellte daraufhin mit Klinkensteckern die gewünschte Verbindung her.

Funktionsweise von Klappenschränken

Bei Klappenschränken handelte es sich um Geräte zur händischen Telefonvermittlung in den „Wählämter“ genannten Telefonzentralen. Bedienerin war im öffentlichen Fernsprechnetz das sprichwörtliche „Fräulein vom Amt“. Jeder Anschluss hatte eine Klappe, die durch einen Elektromagneten gehalten wurde. Bei Betätigung einer Kurbel am Fernsprecher der anrufenden Sprechstelle, wurde mittelst eines Generators Wechselstrom induziert. Dieser legte an den Magneten einen elektrischen Impuls, der die Klappe zum Herabfallen brachte. Das „Fräulein“ stellte daraufhin mit einem Klinkenstecker eine Sprechverbindung zum Anrufer her, erfrug den gewünschten Teilnehmer und verband die beiden Anschlüsse mit einem zweiten Klinkenstecker. Die Spannung zur Aufrechterhaltung der Sprechverbindung wurde durch eine Batterie an den Sprechstellen selbst (Ortsbatteriebetrieb) bereitgestellt.

Das Ende der Klappenschränke

Händische Telefonvermittlungsanlagen wie Klappenschränke in den „Wählämtern“ wurden später durch automatische Wähler in „Wählerämtern“ ersetzt. Almon Brown Strowger (19.10.1839-26.5.1902), ein Leichenbestatter aus Kansas, reichte 1889 das Patent für die erste selbstätige Telefonvermittlungsanlage ein. 1891 patentierte er einen automatischen Wähler, der ein Kontaktfeld von 10 Stufen mit je 100 Kontakten aufwies und mittelst eines Hebearms mit Drehmechanismus die Verbindung herstellte (Hebdrehwähler). 1892 baute die von ihm gemeinsam mit Joseph Harris gegründete Strowger Automatic Telephone Exchange das erste Selbstanschlussamt. Nach einem Studienaufenthalt in den USA richtete der bei der Generaldirektion für Post und Telegraphie angestellte Ingenieur Gottlieb Hubert Dietl (19.10.1862 – 25.05.1946) in den Jahren 1909 und 1911 in Graz und Krakau jeweils einen Probebetrieb mit Wählern nach dem Strowger-Prinzip ein. Kurz danach führte er im Wiener Fernsprechnetz den halbselbstätigen Betrieb ein.

Das erste Wähleramt im Bereich der Post- und Telegraphendirektion in Innsbruck wurde am 18. Juli 1941 in Sankt Johann in Tirol errichtet. Das erste Wähleramt in Innsbruck ging am 19. Juni 1943 in einer Baracke des Posthofes in Betrieb.

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Ernst Pavelka, 19.11.2018