Exponat des Monats 05/2018

Aus Rotkreuz Museum Innsbruck
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Im ⇨ Online-Museum wird jeden Monat ein Gegenstand aus dem ⇨ Archiv der Freiwilligen Rettung Innsbruck vorgestellt.

Resusitube Airway der Fa. Johnson & Johnson in der Originalverpackung, 1960

Im Jahre 1960 wurden die Fahrzeuge der Freiwilligen Rettungsgesellschaft Innsbruck mit Resusituben des us-amerikanischen Medizinprodukteherstellers Johnson & Johnson ausgestattet. Beim Resusitubus handelte es sich um eine Beatmungshilfe für die Mund-zu-Mund-Beatmung primär durch Ersthelfer. Das sog. „Beatmungsrohr“ sollte gegenüber einer Mund-zu-Mund-Beatmung ohne Beatmungshilfe die Belüftung der Lungenflügel verbessern, den Gasdruck erhöhen, die Maßnahme als solche erleichtern und wohl auch die Hemmschwelle, die durch das etwaige Aufkommen von Ekel bei einer Mund-zu-Mund-Beatmung die Breitschaft zur Ersthilfe vermindern mag, zu überwinden helfen.

Dank glücklicher Fügung, eines Einsatzes der SEG in der Axamer Lizum und der Geistesgegenwart des Kameraden Max Oswald konnte einer jener Resusituben, welche die Freiwillige Rettungsgesellschaft Innsbruck im September 1960 bei der Fa. Chemomedica für öS 45,–– exkl. MwSt, geordert hatte, im Originalzustand mit sämtlichen Beilagen gesichert und am 07.04.2018 dem Archiv der Freiwilligen Rettung Innsbruck zur Bewahrung für die Nachwelt erfolgreich zugeführt werden.

Historisch ist das Stück deswegen relevant, weil es – so wie die ein Jahr früher eingeführten Beatmungsbeutel der Fa. Ambu – den Übergang von klassischen Methoden der künstlichen Atmung nach Silvester, Howard, Schäfer oder Holger Nielsen zur modernen Cardiopulmonalen Reanimation mit Mund-zu-Mund-Beatmung und Herzdruckmassage bei der Freiwilligen Rettungsgesellschaft Innsbruck dokumentiert.

Der Tubus

Resusitube Airway der Fa. Johnson & Johnson, 1960. – Beatmungrohr, Kunststoff, ca. 17x9,3x5 cm (LxBxH). – Archiv der Freiwilligen Rettung Innsbruck.
Resusitube Airway der Fa. Johnson & Johnson, 1960; Seitenansicht. – Beatmungsrohr, Kunststoff, ca. 17x9,3x5 cm (LxBxH). – Archiv der Freiwilligen Rettung Innsbruck.
Der Resusitubus durfte bei Kindern erst ab drei Jahren angewandt werden. In diesem Falle wurde nicht wie bei Erwachsenen das lange, sondern das kurze Stück über der Zunge in den Mund eingeführt. Ähnlich der Anwendung des Guedeltubus heute wurde der Tubus dann um das Mittelstück gedreht, sodass dieses den Mund luftdicht abschließen konnte.
Resusitube Airway der Fa. Johnson & Johnson, 1960. – Vollständiges Set bestehend aus:
1 Schachtel aus Karton, 18x9,5x5,5 cm (BxTxH).
1 Tubus, ca. 17x9,3x5 cm (LxBxH).
1 Schutzhülle aus durchsichtigem Kunststoff, 13,5x20 cm (BxH).
1 Bedienungsanleitung „Wiederbelebung mit Johnson&Johnson Resusitube Beatmungs-Rohr“, 1 Blatt, 78x17 cm, 12 Seiten, gefaltet
1 Bedienungsanleitung „Mouth-to-Airway Resuscitation with the Johnson & Johnson Resusitube“, 1 Blatt, 78x17 cm, 12 Seiten, gefaltet.
Archiv der Freiwilligen Rettung Innsbruck.

Von den klassischen Methoden künstlicher Atmung zur Mund-zu-Mund-Beatmung

Im Jahresbericht der Freiwilligen Rettungsgesellschaft Innsbruck für das Jahr 1960 heißt es:

Auf Grund neuer Erfahrungen sind die bisher üblichen Methoden der Wiederbelebung, wie Sylvester [sic], Holger-Nielsen [sic] usw., ziemlich in den Hintergrund gedrängt worden und werden ersetzt durch die wesentlich wirksamere „Mund-zu-Mund-Beamtung“, entweder direkt oder mit Hilfe der in Amerika entwickelten Resituben [sic]. […] Alle Krankenwagen wurde bereits mit solchen Resituben [sic] ausgestattet.
Freiwillige Rettungsgesellschaft Innsbruck (Hg.): 54. Jahresbericht der Freiwilligen Rettungsgesellschaft Innsbruck, Bezirksstelle Innsbruck-Stadt der Österr. Gesellschaft vom Roten Kreuz, Landesverband Tirol, 1960. Innsbruck: Selbstverlag, 1961, S. 1-2.

Mund-zu-Mund-Beatmung war bereits im 18. Jahrhundert angewandt worden. Sie stellte damals aber nur eine von mehreren, gleichberechtigt nebeneinander stehenden Methoden dar, mit denen man versuchte, sog. „Scheintote“ wiederzubeleben. Insbesondere in Küstenländern, in denen man häufig mit Ertrinkungsnotfällen zu kämpfen hatte, kursierten eine Reihe von heutzutage zum Teil bizarr anmutenden Empfehlungen zur Wiederbelebung. Empfohlen wurde, Tabakrauch rektal einzublasen, mittels Röhrchens (auch mit Blasebalg) zu beatmen, Wärme zu applizieren, den Körper abzureiben oder Stimulantien, wie sie Riechsalze darstellen, einzusetzen.

Künstliche Atmung nach Silvester und Schäfer in dem zu Jahresende 1951 erschienenen, offiziellen Erste-Hilfe-Buch der Österreichischen Gesellschaft vom Roten Kreuz von Dr Viktor Tschamler (langjähriger Schulungsarzt der Freiwilligen Rettungsgesellschaft Innsbruck). – Tschamler, Viktor: Erste Hilfe bei Unfällen aller Art und plötzlichen Erkrankungen. Wien: Österreichische Gesellschaft vom Roten Kreuz, o. J. [1951/52], Bildtafeln XXVIII u. XXIX


Ab Mitte des 19. Jahrhunderts bildeten sich mehrere klassische Methoden der Reanimation heraus, die darin übereinkamen, dass durch Bewegung vor allem der Arme und des Brustkorbs versucht wurde, die menschliche Atemmechanik nachzuahmen. Aus diesem Grund sprach man auch von „künstlicher Atmung“. Sie waren nach ihren Entwicklern Marshall Hall (1790-1857), Henry Robert Silvester (1828-1908), Benjamin Howard (1836-1900), Edward Albert Schäfer (1850-1935) oder Holger Nielsen (1866-1955) benannnt und in teilweise über 100 Varianten verbreitet. Die Frage nach der Suffizienz der jeweiligen Methoden war Gegenstand wissenschaftlicher Kontroversen. In deutschsprachigen Erste-Hilfe-Lehrbüchern aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts werden üblicherweise zwei bis vier der klassischen Methoden in unterschiedlichen Modifikationen beschrieben. Bei der Freiwilligen Rettungsgesellschaft Innsbruck wurde die Methode nach Holger Nielsen bevorzugt. Diese klassischen Methoden waren bis in die frühen 1960er-Jahre in Gebrauch.

Ab 1954 hatte sich der Ende der 1940er-Jahre in die USA ausgewanderte österreichische Arzt Peter Safar (1924-2003) mit lebensrettenden Sofortmaßnahmen, die auch von Laien problemlos durchgeführt werden können, zu beschäftigen begonnen. Gemeinsam mit James Elam setzt er am Baltimore City Hospital Freiwillige medikamentös herbeigeführten temporären Atemstillständen aus, um an ihnen geeignete Beatmungstechniken studieren zu können. Bis Ende der 1950er-Jahre war es Peter Safar und James Elam gelungen, die überlegene Suffizienz der Mund-zu-Mund-Beatmung gegenüber den klassischen Methoden künstlicher Atmung nachzuweisen.

⇨ „Fifty Thousand Lifes“, Schulungsfilm der Abteilung für Änästhesiologie des Baltimore City Hospitals unter Peter Safar zur Mund-zu-Mund-Beatmung und zur Anwendung des Resusitubus, 1959

Zeitgleich entdecken William Kouwenhoven, Guy Knickerbocker und James Jude, dass sich durch externe Herzdruckmassage der Kreislauf künstlich aufrechterhalten lässt. 1961 empfahl das Internationale Symposion für Wiederbelebung, das vom 21. – 24.8.1961 in Stavanger getagt hatte, erstmals Mund-zu-Mund-Beatmung und Herzdruckmassage zur Wiederbelebung klinisch Toter.


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Schachtel aus Karton des Resusitube Airway der Fa. Johnson & Johnson, 1960. – 18x9,5x5,5 cm (BxTxH). – Archiv der Freiwilligen Rettung Innsbruck.

Der Resusitubus wurde explizit als „Approved Safar Airway“ vermarktet.

In der Bedienungsanleitung des Resusitube Airway werden mit überwiegender Mehrheit Arbeiten von Peter Safar aus den Jahren 1957-1959 aufgelistet. – Archiv der Freiwilligen Rettung Innsbruck
Um die Gefahr von Fehlanwendungen des Tubus zu minimieren, wurde er vom Hersteller mit einem Warnhinweis versehen. – Archiv der Freiwilligen Rettung Innsbruck.
Resusitube Airway der Fa. Johnson & Johnson, 1960: Bedienungsanleitung deutsch, recto ; 1 Blatt, 78x17 cm (BxH), 12 Seiten, gefaltet. – Archiv der Freiwilligen Rettung Innsbruck.
Über die korrekte Anwendung des Resusitube konnte man sich in der Bedienungsanleitung informieren.

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Ernst Pavelka