Exponat des Monats 04/2019

Aus Rotkreuz Museum Innsbruck
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Alltronic Senior-Alarmat 715 / GESIG – Gesellschaft für Signalanlagen, 1984

In der Woche vom 12. November 1984 ging der Hausnotruf Tirol der Freiwilligen Rettung Innsbruck unter der Bezeichnung „Seniorenalarm“ erstmals in Betrieb. Schon in der Woche davor war er bei der Seniorenmesse Senior aktuell im Innsbrucker Kongresshaus (9. – 11.11.1984 voll funktionstüchtig vorgestellt worden. Am 21.11. wurde der Se­niorenalarm im Rahmen einer gemeinsamen Pressekonferenz mit Landesrat Dr. Friedrich Greiderer und Dr. Franz Meisinger von der Stadt Innsbruck der Öffentlichkeit offiziell präsentiert. Das System war von Anfang an auf eine Implementierung in ganz Tirol angelegt.

Technisch handelte sich um ein System der Fa. GESIG – Gesellschaft für Signalanlagen vom Typ Senior-Alarmat der Alltronic - Verstärker- und Steuerungstechnik GmbH. Das Archiv der Freiwilligen Rettung Innsbruck beherbergt zwei Exemplare der Teilnehmerstation Alltronic Senior-Alarmat 715. Beim Typ 715 handelte es sich um den Nachfolger des Senior-Alarmat 705, für den bereits seit 1977 eine generelle Fernmeldegenehmigung vorlag. Mit hoher Wahrscheinlichkeit wurde im System des Roten Kreuzes Innsbruck von Anfang an der Gerätetyp 715 eingesetzt, sodass sich damit zwei sehr frühe Hausnotrufgeräte erhalten haben dürften.

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Alltronic Senior-Alarmat 715 der Fa. GESIG – Gesellschaft für Signalanlagen mit Handsender und Umhängetasche, 1984. – Hausnotrufgerät, ca. 22 x 33 x 13,5 cm (B x T x H). – Archiv der Freiwilligen Rettung Innsbruck Handsender mit Ledertäschchen zum Umhängen zum Senior-Alarmat der Fa. GESIG – Gesellschaft für Signalanlagen, ~1984. – 6,8 x 2,6 x 8,8 cm (B x T x H). – Archiv der Freiwilligen Rettung Innsbruck Handsender im Ledertäschchen mit Umhängeriemen zum Alltronic Senior-Alarmat 715 der Fa. GESIG – Gesellschaft für Signalanlagen, 6,8 x 2,6 x 8,8 cm (B x T x H). – Archiv der Freiwilligen Rettung Innsbruck

Das Alarmat-System

Unter den Begriffen „Seniorenalarm“ oder „Hausnotruf“ versteht man technische Systeme, die auf Telefonnetzen als Medium der Nachrichtenübermittlung aufbauen, um bei Absetzen eines von einer Teilnehmerstelle ausgehenden Alarms an eine Zentrale, eine Ret­tungskette zur Hilfeleistung bei Notfällen in Gang zu setzen. Der Alarm wird dabei entweder vom Systemteilnehmer selbst oder bei Ausbleiben einer vereinbarten Meldung durch diesen, dass er sich Wohlauf befinde, vom System automatisch abgesetzt („Passivalarm“). Andere zum Teil veraltete Bezeichnungen für derartige technische Einrichtungen lauten auch „Rufhilfe“ oder „Heimnotruf“.

Die Fa. GESIG – Gesellschaft für Signalanlagen stellte von Beginn des Hausnotrufes im November 1984 bis 1991 die technische Einrichtung zur Durchführung des Hausnotrufdienstes. Das Alarmat-System war vom Bewachungsdienst Dr. Frisch, aus dessen Abteilung für Ver­kehrsregelung die Fa. GESIG 1961 hervorgegangen war, im Jahre 1982 erstmals vorgestellt und wohl ab 1983 vertrieben worden. Es bestand aus einer beim Teilnehmer an das öffentli­che Telefonnetz angeschlossenen Feststation, einem mit ihr drahtlos verbundenen Notrufsender, der im Lederetui an ei­ner Schlaufe um den Hals oder am Gürtel getragen wurde, sowie der Zentrale, in der die Not­rufe in der Leitstelle der Freiwilligen Rettung Innsbruck aufliefen. Der Alarmat 715 stellte in diesem Setting die Feststation.

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Graphische Darstellung des Senior-Alarmat-Systems aus einer technischen Systembeschreibung vermutlich der Fa. GESIG – Gesellschaft für Signalanlagen, 09.08.1984. – Archiv der Freiwilligen Rettung Innsbruck Alltronic Senior-Alarmat 715 der Fa. GESIG – Gesellschaft für Signalanlagen mit Telefonanschlussstecker für ADo8-Telefonbuchse, ~1984. – Archiv der Freiwilligen Rettung Innsbruck]]. Bedienung des Senior-Alarmat' aus einer technischen Systembeschreibung vermutlich der Fa. GESIG – Gesellschaft für Signalanlagen, 09.08.1984. – Archiv der Freiwilligen Rettung Innsbruck.

Die Alarmatstation wurde über Normstecker an das bestehende Strom- und den bestehen­den Festnetztelefonanschluss in der Wohnung des Seniorenalarmteilnehmers angeschlossen. Es war wichtig, dass es sich bei der Teilnehmersprechstelle nicht um einen der damals sehr verbreiteten sog. „Viertelanschlüsse“ handelte. Der Viertelanschluss war eine technische Vari­ante des sog. „Gesellschaftsanschlusses“. Bei Gesellschaftsanschlüssen wurden mehrere Sprechstellen an eine Hauptleitung angeschlossen. Es brachte durch Leitungskosteneinspa­rungen Vorteile für die Verwaltung und durch Aufteilung der Anschlussgebühren geringere Kosten für die Sprechstellenteilnehmer. Der Viertelanschluss, vulgo „Vierteltelefon“, verdankte seinen Namen dem Umstand, dass bis zu vier Sprechstellen an eine Hauptleitung angeschlossen werden konnten. Er beruhte auf dem von Gottlieb Dietl und Friedrich Koch entwickelten, 1905 in Wien erstmals zum Einsatz gekom­menen Selective-lock-out-System. Als der Seniorenalarm im Jahre 1984 in Betrieb ging, kamen in Österreich auf insgesamt 2,6 Mio Telefonanschlüsse rund 1,5 Mio Gesellschaftsanschlüsse in der Variante des damals gängigen GA 78, der sich vom Vorgänger GA 48 durch Einbau von elektronischen Schaltelementen unterschieden hatte. Im Gegensatz zu anderen Systemen, bei denen mehrere Zweigleitungen an einer Hauptleitung hingen, wurden beim Selective-lock-out-Verfahren die gerade nicht aktiven Sprechstellen weggeschaltet, sodass das Fernsprechge­heimnis gewahrt blieb. Dies hätte aber bei Anschluss eines Senior-Alarmat-Gerätes die Folge gehabt, dass bei offener Verbindung eines andern Teilnehmers als der des Hausnotrufklienten auch ein etwaiger Notruf nicht durchgeschaltet worden wäre. Viertelanschlüsse mussten für den Einsatz eines Seniorenalarmgerätes also zuerst von der Post in einen ganzen Anschluss umgewandelt werden. Sie umzurüsten konnte damals aber durchaus ein paar Wochen dauern.

Stand nun die Alarmatstation in der Wohnung des Klienten, so besaß der Teilnehmer ein Ge­rät, das außer mit einer digitalen Wahleinrichtung und optischen wie akustischen Anzeigen auch mit einer Notstromversorgung für achtstündigen Standby-Betrieb, einer zyklischen Funktionsüberprüfung und der Möglichkeit ausgestattet war, vier zusätzliche Alarmgeber z. B. für Feuer- oder Einbruchsalarme aufzuschalten. Zudem hatte es eine sog. „Totmannein­richtung“.

Die Totmanneinrichtung setzte einen Alarm auch dann ab, wenn der Teilnehmer sich innerhalb eines definierten Zeitraums nicht durch das Drücken einer bestimmten Taste meldete, um zu zeigen, dass es ihm gut geht. Bei heutigen Geräten spricht man von der „Tagestaste“. Die Tot­manneinrichtung konnte damals schon automatisiert werden, indem sie an Auslöser wie Tritt­matten, WC-Türen, Eiskastentüren, Lichtschalter etc. gebunden wurde. Der am Körper getra­gene Notrufsender, über den im Falle eines Notfalles vom Klienten selbst der Alarm ausge­löst werden konnte, wurde durch einen 9-Volt-Batterieblock gespeist und wies eine Reichweite von 100 Metern, bei Aufschaltung zusätzlicher Alarmgeber auch weiter, auf.

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Alltronic Senior-Alarmat 715 der Fa. GESIG – Gesellschaft für Signalanlagen Bedienteil nach gedrücktem Notrufknopf, ~1984. – Archiv der Freiwilligen Rettung Innsbruck. Alltronic Senior-Alarmat 715 der Fa. GESIG – Gesellschaft für Signalanlagen, Bedienteil nach gedrücktem Notrufknopf, ~1984. – Archiv der Freiwilligen Rettung Innsbruck Diapositiv, 35 x 24 mm, gerahmt. – Die Seniorenalarmzentrale der Fa. GESIG – Gesellschaft für Signalanlagenin der Leitstelle der Freiwilligen Rettung Innsbruck im November 1984. – Archiv der Freiwilligen Rettung Innsbruck

Die Alarmat-Zentrale in der Leitstelle der Freiwilligen Rettung Innsbruck hingegen bestand u. a. aus einem digitalen Telefonauswerter, einem Rechner mit Bildschirm als Informationsspei­cher, Protokolldrucker, Telefoneinrichtung mit Freisprechfunktion und der Möglichkeit, Tele­fonate aufzuzeichnen sowie einer Notstromversorgung. Es handelte sich um die erste Notrufzen­trale für Senioren in Österreich, die bei Geräteausfall oder für den Fall, dass die Räumlichkei­ten unbenützbar geworden wären, durch einen Notkoffer weiterbetrieben werden konnte.

Allerdings wies das System auch erhebliche technische Mängel auf, die dazu führten, dass Teilnehmergeräte oft mehrmals pro Woche an die Fa. GESIG zur Reparatur eingeschickt werden mussten. Nachdem 1991 auch die Teilnehmergrenze von 200 Anschlüssen erreicht worden war, wurde die Hausnotrufzentrale auf ein System der Fa. Knorr-Bremse umgestellt.

Der Beginn des Hausnotruf Tirol

Schon bevor der Seniorenalarm der Freiwilligen Rettung Innsbruck in Betrieb gegangen war, hatte es in einzelnen anderen Bundesländern bereits spezifische technische Alarmierungssysteme gegeben, die es al­ten, kranken und alleinstehenden Personen ermöglichten, durch einen Knopfdruck an einem am Körper getragenen Sender in einer Zentrale einen Alarm auszulösen, um solcherart Hilfe anzufordern. Darüberhinaus boten die Bezirksstellen Hall in Tirol und Schwaz ein System, bei dem sich die Teilnehmer für einen regelmäßig durchgeführten Kontrollanruf ohne zusätzliche technische Hilfe durch die jeweiligen Zentralen registrieren lassen konnten. Hob der Teilnehmer nicht ab, wurden Rettungsmaßnahmen in Gang gesetzt. Die Anzahl der Anmeldungen für diesen Service dürfte aber bescheiden gewesen sein.

Die Schaffung eines tirolweiten technischen Alarmierungssystems für alleinstehende, hilfsbe­dürftige Menschen wurde von Landesrat Dr. Friedrich Greiderer in einer Sitzung des Vorstandes des Landesverbandes Tirol des Österreichischen Roten Kreuzes am 4. April 1984 angestoßen. Dr. Fritz Greiderer war Vizepräsident des Landesverbandes Tirol des Österreichischen Roten Kreuzes und von 1979-1991 der beim Land Tirol zuständige Sozial- und Gesundheitsreferent (entspricht der Funktion eines Landesrates). In seiner Funktion als Landesrat hatte er nun um die Mitwirkung des Tiroler Roten Kreuzes bei der Errichtung eines Hausnotrufsystems gebeten. Daraufhin wurde von Seiten des Roten Kreuzes wahrscheinlich eine Bedarfserhebung, die auf einer Aussendung zu einer im Mai ohnehin anlaufenden Spendensammlung aufsetzen sollte, durchgeführt und die technischen Voraussetzung für den Einsatz verschiedener am Markt erhältlicher Systeme überprüft.

Nachdem der Vorschlag, ein in Salzburg im Einsatz stehendes System, das öS 300.000 – 500.000 gekostet hätte, einzusetzen, als zu teuer verworfen wurde, erklärte der Obmann der Freiwilligen Rettung Innsbruck, Ing. Karl Pobitzer, in der Verbandsausschusssitzung des Tiroler Roten Kreuzes vom 12.09.1984, dass die Leitstelle der Roten Kreuzes Innsbruck über eine in die bestehende EDV-Anlage integrierte technische Einrichtung, geeignet wäre, die Versorgung für ganz Tirol durchzuführen. Die Leitstelle des Roten Kreuzes Innsbruck war 1980 nach dem Vorbild der Leitstelle in München, die als modernste in Europa galt, modernisiert worden. Die Kosten des Seniorenalarmsystems von öS 180.000,–– sollten durch eine monatliche Mietgebühr für die Teilnehmergeräte oder auch die Möglichkeit des Ankaufs des Gerätes amortisiert werden. Landesrat Dr. Greiderer bat, die Sache weiter zu verfolgen und erklärte sich bereit, die Hälfte der Investitionskosten aus seinem Ressort zu bestrei­ten. Die andere Hälfte der Anfangsinvesitionen wurde später von den Bezirksstellen übernommen. Am 13.09.1984 beschloss der Dienstausschuss der Freiwilligen Rettung Innsbruck die Aufnahme des Seniorenalarms in den kommenden Monaten.

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Erste Werbebroschüre für den Seniorenalarm der Freiwilligen Rettung Innsbruck, 1984. – Broschüre, geheftet, 8 Seiten, DIN A6. – Archiv der Freiwilligen Rettung Innsbruck. Interessentenkarte für das Seniorenalarmsystem der Freiwilligen Rettung Innsbruck. Die Karte wurde in die Werbebroschüre eingeheftet verteilt. Der abtrennbare Teil war als Postkarte zur unkomplizierten Kontaktaufnahme mit dem Roten Kreuz Innsbruck ausgeführt. Links ein Text des Landesrates für Soziales, Dr. Fritz Greiderer, der die tirolweite Implementierung des Seniorenalarms durch die Freiwillige Rettung innsbruck im April 1984 beim Landesverband Tirol des Österreichischen Roten Kreuzes angeregt hat. – Archiv der Freiwilligen Rettung Innsbruck Präsentation der Senior-Alarmat-Zentrale der Fa. GESIG – Gesellschaft für Signalanlagen durch die Freiwillige Rettung Innsbruck bei der „Senior aktuell“ vom 9. – 11.11.1984 im Kongresshaus Innsbruck. – Archiv der Freiwilligen Rettung Innsbruck

Nachdem der Seniorenalarm im November 1984 tatsächlich in Betrieb genommen worden war, konnten die Teilnehmer die Geräte entweder um öS 432,–– mieten oder um rund öS 28.000,–– kaufen. Für bedürftige Teilnehmer gab es Zuschüsse des Landes Tirol, ab 1988 auch der Stadt Innsbruck. Zudem finanzierten auch Unternehmen wie die Postsparkasse (1988) einzel­nen Teilnehmern die Einrichtung.

Der Seniorenalarm sollte vom Roten Kreuz Innnsbruck nach den Wünschen des Landes Tirol und im Auftrag des Landesverbandes Tirol des Österreichischen Roten Kreuzes mit zumindest Billigung, wahrscheinlich Zustimmung der anderen Rotkreuz-Bezirksstellen im ganzen Bundesland Tirol implementiert werden. Direkter Ansprechpartner vor Ort war außerhalb Innsbrucks immer die für den Bezirk zuständige Rotkreuz-Bezirksstelle. Diese wurde bei Eingang eines Notrufes eines Seniorenalarmteilnehmers aus deren Versorgungsgebiet bei der Leitstelle der Freiwilligen Rettung Innsbruck zur Durchführung der notwendigen Rettungsmaßnahmen kontaktiert.


Ernst Pavelka, 11.04.2019