1881-1907 Frühgeschichte des Innsbrucker Rettungswesens

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Radiobeitrag zur Gründungsgeschichte der Freiwilligen Rettung Innsbruck mit Ernst Pavelka und Mag. Roland Kubanda, Stadtarchiv/Stadtmuseum Innsbruck (FREIRAD – Freies Radio Innsbruck, Sendung „Kulturton“ 11.03.2016, 18:30-19:00).

Ernst Pavelka, SRD-69D2 – Notizen zur Vor- und Frühgeschichte des Innsbrucker Rettungswesens bis zur Einrichtung des allgemeinen öffentlichen Rettungsdienstes im Jahre 1907. In: Zeit – Raum – Innsbruck (Schriftenreihe des Innsbrucker Stadtarchivs, Bd. 14), Innsbruck: Universitätsverlag Wagner, 2017, S. 47-77. – Der Band kann beim Innsbrucker Stadtarchiv oder im Büro der Buchhaltung des Roten Kreuzes Innsbruck (6020 Innsbruck, Sillufer 3) für EUR 16,–– käuflich erworben werden.

Das frühe Rettungswesen

Frühe Rettungsgesellschaften, welche die öffentliche Aufgabe, erkrankte und bei Unfällen verletzte Personen medizinisch zu versorgen und ärztlicher Hilfe zuzuführen, übernahmen, findet man in Küstenländern bereits im 18. Jahrhundert. Man hatte dort häufig mit Ertrinkungsnotfällen zu kämpfen, sodass man sich in diesen Ländern auch früh mit Maßnahmen zur Wiederbelebung wie künstlichen (Be-)atmungen zu beschäftigen begann. Auf dem Gebiet der österreichisch-ungarischen Monarchie zeigen sich erste behördliche Anordnungen zur Schaffung organisierter Strukturen zur Hilfeleistung bei Unglücksfällen etwa in derselben Zeit unter Maria Theresia und Joseph II. Trotzdem beginnen sich auf dem europäischen Festland organisierte sanitätsdienstliche Strukturen erst ab der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts zu entwickeln. Sie entstehen häufig innerhalb des älteren Feuerwehrwesens und emanzipieren sich erst nach und nach davon.

Unter den Feuerordnungen der Stadt Innsbruck, die sich seit dem 16. Jahrhundert nachweisen lassen, ist eine eigene Rettungsabteilung erstmals im Feuerlöschstatut von 1817 vorgesehen. Dieses sah eine berufsständische Verteilung der Aufgaben bei Brandgeschehen vor: Je nach Berufsstand wurden Bürger und Handwerker im Brandfall zur Übernahme von Brandbekämpfungsaufgaben verpflichtet. Als dritte von insgesamt sechs Abteilungen rekrutierte sich die Rettungsmannschaft aus der Priesterschaft, dem Handelsstand, den Ärzten und Wundärzten, den beiden Stadtphysici sowie aus einer Abteilung der Polizeimannschaft und der Militär-Feuerreserve zur Bewachung der geretteten Gegenstände. In der Feuerwehrordnung von 1864 bilden die „Retter“ eine funktionale Einheit mit den Steigern.

Auf dem Gebiet des heutigen Österreich stellte der Wiener Ringtheaterbrand in der Nacht vom 8. auf den 9.12.1881, bei dem rund 400 Menschen starben, den Anlass zur Gründung von Rettungsorganisationen dar. Ein Lampenanzünder hatte sieben Minuten vor Beginn der zweiten Vorstellung von Jacques Offenbachs „Hoffmanns Erzählungen“ aus Unvorsichtigkeit mit einer Gaslaterne auf der Bühne einen Dekorationsvorhang entzündet, der durch die Schnürbodenarbeiter, nachdem sie das Feuer bemerkt hatten, nach oben gezogen worden war, und so sofort auch den Schnürboden in Brand setzte. Da man es verabsäumte, den eisernen Vorhang herunterzulassen, griff das Feuer rasch auf den Zuschauerraum über. Die Feuerwehr musste von Privatpersonen zu Fuß alarmiert werden, da zwar das Ringtheater einen Anschluss des zu diesem Zeitpunkt seit acht Tagen bestanden habenden Wiener Telefonnetzes besaß, nicht aber die Feuerwehr. Diese war aufgrund falscher Annahmen über die Ausmaße des Brandes 25 Minuten nach dessen Ausbruch für die Rettung von Personen schlecht ausgerüstet (keine Sprungtücher, keine Schubleitern) am Ort des Geschehens erschienen, was vor allem die Rettungsmaßnahmen verzögert hatte. Dazu kam, dass die Türen des Theaters nur nach innen aufgingen, sodass die vor dem Feuer flüchtenden und in Panik gegen die Ausgänge drängenden Menschen das Gebäude nicht verlassen, umgekehrt aber die Feuerwehr nicht eindringen konnte, da die im Inneren aufgetürmten Leichen die Eingänge versperrten.

Der Brand hatte deutlich gemacht, dass für die Bewältigung von Großschadensereignissen mit Massenanfällen von Verletzten die vorhandenen Einrichtungen der Feuerwehr nicht ausreichend waren. Deshalb wurde schon einen Tag nach dem verheerenden Theaterbrand die Wiener Freiwillige Rettungsgesellschaft gegründet.

Die Sanitätsabteilung der Freiwilligen Feuerwehr Innsbruck

Im selben Jahr, 1881, taucht auch innerhalb der 1857 von Franz Thurner aus der Turnerbewegung heraus gegründeten Freiwilligen Feuerwehr Innsbruck erstmals eine eigene Sanitätsabteilung auf. Es wäre nun naheliegend, anzunehmen, dass auch ihre Schaffung im Zusammenhang mit dem Wiener Ringtheaterbrand stünde. Tatsächlich hatte die Sanitätsabteilung aber schon vor dem Brand bestanden. Bei der Schlussübung der Freiwilligen Feuerwehr Innsbruck am 2.10.1881 trat sie unter Korpsarzt Dr. Franz Greil erstmals öffentlich in Aktion:

„Es war ein Brand in der Weyrer'schen Fabrik in der Sillgasse angenommen. Das Brandobjekt war direkt anzugreifen und die nächste weitere Nachbarschaft zu schützen. […] Die Sanitätsabteilung der Feuerwehr erschien bei dieser Uebung unter Leitung des Hrn. Dr. Med. Greil in neuer und vollständiger Organisirung [sic]; sie ist jetzt mit einer Tragbahre, mit Schienen und Verbandzeug für Bein[-] und Armbrüche u. dgl. ausgestattet und zeigte ihre Fertigkeit in dem Anlegen verschiedener Verbände an einem supponierten Verwundeten.“
Freiwillige Feuerwehr Innsbruck (Hg), Jahresbericht der Freiwilligen Feuerwehr Innsbruck für das Jahr 1881, Innsbruck 1881, 14-15

Die Abteilung zählte zu diesem Zeitpunkt vier Mann sowie drei Korpsärzte, wurde von einem Alois Witting kommandiert und rückte nur im Brandfall gemeinsam mit den Zügen der Feuerwehr aus. Bereits ein Jahr später war die Mannschaft auf neun Mann angewachsen. Ein Personalstand, der sich bis 1906 kaum änderte. Die Ausrüstung bestand aus vier Sanitätsarmbinden, einer komplett eingerichteten Apotheke, einer Trage, Schienen und einem Verbandstornister.

Die Sanitätsabteilung der Freiwilligen Feuerwehr Innsbruck und das Rote Kreuz

1892 verpflichtete sich die Freiwillige Feuerwehr Innsbruck gegenüber der 1880 gegründeten Österreichischen Gesellschaft vom Roten Kreuz, im Kriegsfalle Militärangehörige zu transportieren und zu versorgen. Die Verpflichtung war einem Abkommen zwischen der Österreichischen Gesellschaft vom Roten Kreuz und dem Österreichischen Feuerwehrausschuss vom 15. Mai 1892 erwachsen. Dieses sah vor, dass die Freiwilligen Feuerwehren im Mobilisierungsfalle als sogenannte „Lokalkrankentransportkolonnen vom Roten Kreuz“ den Transport von Verwundeten übernehmen sollten. Im Gegenzug erhielten diese das Recht, das Rotkreuz-Zeichen zu führen. Die Ausbildung der dafür vorgesehenen Sanitätsabteilungen sollte nach den Richtlinien des Roten Kreuzes für den Verwundetentransport erfolgen. Konkret schlagend wurde dieses Abkommen, das mit der Gründung der Rettungsabteilung der Freiwilligen Feuerwehr Innsbruck im Jahre 1907 erneuert wurde, in den beiden Weltkriegen.

Die Reorganisation der Sanitätsabteilung im Jahre 1897

1880 war mit Viktor Baron Graff ein Mann zum Branddirektor der Freiwilligen Feuerwehr Innsbruck gewählt worden, durch dessen erneuernde Initiativen erst die Bedingungen geschaffen wurden, dass sich aus der Sanitätsabteilung bis 1907 eine Rettungsabteilung entwickeln konnte, die dann auch den allgemeinen öffentlichen Rettungsdienst zu stellen vermochte.

Der 1853 geborene Viktor Baron Graff war Vereinsturnlehrer im Innsbrucker Turnverein und Abgeordneter zum Gemeinderat. 1897 unterzog er die Mannschaft der Freiwilligen Feuerwehr Innsbruck einer vollständigen Neueinteilung. Diese ersetzte die vorhandenen vier Züge mit Steiger- und Spritzenmannschaften durch vier von jeweils einem Hauptmann und seinem Stellvertreter kommandierten Kompanien, die aus zwei vollständigen Löschzügen, wieder jeweils von Zugs- und Rottenführern kommandiert, bestanden. Offenbar im Zuge dieser Reform wurde auch eine Reorganisation der Sanitätsabteilung unternommen. Sie wurde schon mit dem erklärten Ziel in Angriff genommen, in Innsbruck später einmal nach dem Vorbild der Sanitätskolonnen von Feuerwehren in Deutschland einen allgemeinen öffentlichen Rettungsdienst stellen zu können.

Erste Versuche zur Einrichtung eines allgemeinen öffentlichen Rettungsdienstes hatte es bereits einige Jahre davor von anderer Seite gegeben:

Im Juli 1893 hatte die Wiener Freiwillige Rettungsgesellschaft im Zuge der I. Tiroler Landesausstellung ihre siebente Filiale in Innsbruck errichtet. Die Ausstattung bestand aus einem vollständig eingerichteten Operationssaal, zwei Tragen, Sanitätstaschen, Medikamenten, einem Brieftaubenschlag sowie zwei Sanitätspferdewägen, einer ausschließlich für Infektionstransporte. Sie entsprach einem Wert von etwa 5.000 Gulden. Im Oktober 1893 war die Rettungsstation von Vizebürgermeister Wilhelm Greil ins Eigentum der Stadt Innsbruck übernommen worden. Ein ärzlicher Leiter und ein Ehren-Chefchirurg waren bald gefunden und die Aufnahme des öffentlichen Sanitätsdienstes wurde verkündet. Dennoch hatte dieser erste Versuch, einen allgemeinen öffentlichen Rettungsdienst einzurichten, keinen Bestand: Es fehlte an geschultem Personal und an Pferden für die Wagen, sodass die Bespannung jedes Mal fallweise beschafft werden musste. Das Unternehmen schlief wieder ein.

Jetzt, vier Jahre später, fand Viktor Baron Graff in dem seit 1895 in der Sanitätsabteilung tätigen, 1897 zum Kommandanten aufgestiegenen, als hochintelligent und energisch beschriebenen Kaufmannssohn Gustav Riegl den richtigen Mann, um die Sanitätsabteilung der Freiwilligen Feuerwehr zu reformieren. Vielleicht durch das Scheitern der Wiener Freiwilligen Rettungsgesellschaft, sicherlich aber durch eigene Erfahrungen mit unzureichend geschultem Personal, begriff man die große Bedeutung, die gut ausgebildete Mitglieder für die Fähigkeit, einen öffentlichen Rettungsdienst zu stellen, haben mussten. Jedenfalls fanden Viktor Baron Graff und Gustav Riegl in dem von diesem zur Sanität geholten Stadtarzt Dr. Otto Kölner einen kongenialen Partner zur Verwirklichung ihres Plans.

Die Reform, die Gustav Riegl, sein Stellvertreter Amadeus Simath und Viktor Baron Graff der Sanitätsabteilung angedeihen lassen wollten, sollte zwei grundsätzliche Missstände beheben: Zum einen bestand die Mannschaft, aus der sie sich zusammensetzte, hauptsächlich aus alten, ausgedienten Feuerwehrmännern; zum andern waren diese durch schlechte Ausbildung und zu wenig Gelegenheit zur Hilfeleistung denkbar ungeübt.

Die Personalreform

Um das Personal zu verjüngen, traten 1897 auf Anregung Viktor Baron Graffs mit dem Gipsformator Leo Stainer, dem Fleischwarenerzeuger Hans Hörtnagl und dem Konditor Hans Munding wichtige spätere Gründungsmitglieder der Innsbrucker Rettung in die Sanitätsabteilung der Freiwilligen Feuerwehr Innsbruck ein. Alle drei waren ursprünglich am 1.7.1892 vom Innsbrucker Turnverein zur Steigermannschaft des I. Zuges der Freiwilligen Feuerwehr Innsbruck gekommen. Schon damals war ihr Mentor für den Eintritt Viktor Baron Graff gewesen, den sie als Vereinsturnlehrer im Turnverein erlebt hatten. Damit stellte der Innsbrucker Turnverein die gesamte Steigermannschaft des I. Feuerwehrzuges. Nachdem Munding, Hörtnagl und Stainer geheiratet hatten, durften sie die gefährliche Tätigkeit des Steigers nicht mehr ausüben und wechselten zur Sanitätsabteilung. Durch die Neueintritte in die Sanitätsabteilung verschob sich einerseits das Verhältnis zwischen altgedienten Samaritern, wie die Sanitäter damals genannt wurden, und jungen Mitgliedern zugunsten der Jungen; andererseits verließen ab etwa 1899/1900 die alten Herren nach und nach die Sanitätskolonne und machten somit einer jugendlicheren Truppe Platz.

Die Ausbildungsreform unter Dr. Otto Kölner

Anhand einer Episode aus der Anfangszeit der Sanitätsabteilung schildert der spätere erste Obmann und Gründervater der Freiwilligen Rettung Innsbruck, Leo Stainer, den schlechten Ausbildungsstand der Sanitätsmannschaft:

„Wieder einmal, anläßlich einer Übung, passierte es dem Kameraden Hellenstainer, daß er beim Abstieg von der Leiter die letzte Sprosse verfehlte und mit dem Schienbein an der Sprosse scharf herunterstreifte; dabei riß er sich die Deckhaut spannenlang auf und blutete stark. Der von Baron Graff herbeigerufene Sanitätsmann Peer, ein alter Mann, der nebenbei auch Vereinsdiener war, öffnete dienstbereit seine Verbandtasche und begoß einen Wattebausch mit Karbol, dem damals allein üblichen Desinfektionsmittel. Als er den Bausch auf die lange Wunde legte, rief Ernst Hellenstainer gleich:

'Du, Peer, dös brennt aber höllisch.'
'Dös ischt schon recht', meinte Peer, 'dös muaß so sein, dafür heilt's a guat und bald.'

Ernst Hellenstainer bekam immer stärkere Schmerzen und der nachts herbeigerufene Arzt stellte mit Entsetzen fest, daß der Wattebausch mit konzentrierter Karbolsäure getränkt war. Der gute Peer hatte nicht gewußt, daß er nur 6 Prozent Karbol und gut 90 Prozent Wasser hätte nehmen dürfen! Hellenstainer litt noch wochenlang an dieser schweren Verbrennung.“
(Leo Stainer, Wie ich Samariter wurde. Erinnerungen und Erlebnisse, in: FREIWILLIGE RETTUNGSGESELLSCHAFT INNSBRUCK (Hg.), 25 Jahre Freiwillige Rettungs-Gesellschaft Innsbruck, 20 Jahre Tiroler Samariterbund. Innsbruck 1932, 22-24, hier: 23)

Es wurde bereits erwähnt, dass Dr. Otto Kölner auf Betreiben von Gustav Riegl am 1.1.1897 als Korpsarzt in die Freiwillige Feuerwehr Innsbruck eingetreten war. Schon vor dem Eintritt Dr. Kölners dürften die beiden Korpsärzte Dr. Josef Thalguter und Dr. Franz Winkler erste, aber nur einzelne Schulungsabende durchgeführt haben. Riegl und Baron Graff war dies zu wenig, da sie durch regelmäßige Ausbildungsstunden in Erster Hilfe Personal heranbilden wollten, das dann auch geeignet sein sollte, die Mannschaften für einen öffentlichen Rettungsdienst zu stellen.

Unter Dr. Otto Kölner wird bei der Freiwilligen Feuerwehr Innsbruck nun erstmals ein regelmäßiger Schulungsbetrieb für die Sanität eingeführt. Es mussten neunzehn theoretische und sechzehn praktische Übungen bewältigt werden. Das Curriculum trug den Titel „Erste Hilfe der Sanitätsmannschaft bei Unglücksfällen“. Es begann im Herbst und endete im Frühjahr des Folgejahres. Am 26.4.1898 wurde die Sanitätsmannschaft sowie einige Feuerwehrmänner unter den Augen der Kommandantschaft von Dr. Kölner im Gasthof Weißes Kreuz erstmals geprüft. Spätere Prüfungen fanden gerne im Beisein auch von Mitgliedern des Gemeinderates und anderer Gäste von außerhalb des Feuerwehrkorps statt.

Der neu eingerichtete Schulungsbetrieb dürfte langgehegte Wünsche bedient haben, denn er erfreute sich schon rasch einer allgemein großen Beliebtheit. Für den Beginn des „IV. Sanität-Instructionscurs“ im Jahre 1901, bei dem die Anzahl der ursprünglichen Unterrichtseinheiten gegenüber 1897 gleich geblieben ist, sind 19 Teilnehmer belegt, am Ende des Kurses waren es allerdings nur mehr 11. Dabei nahmen nicht nur die Mitglieder des Innsbrucker Sanitätskorps teil, sondern auch Wehrmänner der Feuerwehren umliegender Ortschaften und Polizeiwachmänner der Städtischen Sicherheitswache. Jene Mitglieder der Feuerwehr, die zwar nicht der Sanitätsabteilung angehörten, den Sanitäterkurs aber mit Prüfung abgelegt hatten, durften ebenso wie die Mitglieder der Sanität die Armbinde mit dem Roten Kreuz tragen.

Bei den Schulungen wurde darauf geachtet, nicht nur das zur sanitätsdienstlichen Absicherung von Feuerwehreinsätzen notwendige Wissen zu vermitteln, sondern die Teilnehmer zu allgemeiner Erster Hilfe auch außerhalb des Feuerwehrwesens zu befähigen. Dies war besonders mit Hinblick auf das Ziel eines allgemeinen öffentlichen Rettungsdienstes notwendig.

Der Weg zum öffentlichen Rettungsdienst

Mit der Personal- und Ausbildungsreform von 1897 war nun ein erster Grundstock geschaffen worden, um die Sanitätsabteilung in Richtung des Ziels, den öffentlichen Rettungsdienst in Innsbruck stellen zu können, weiterzuentwickeln. Diese Weiterentwicklung ist eng mit dem Namen Leo Stainer verknüpft.

1899 hatte Gustav Riegl aus beruflichen Gründen nach München übersiedeln müssen und deswegen die Kommandantur der Sanitätsabteilung der Freiwilligen Feuerwehr Innsbruck an seinen bisherigen Stellvertreter Amadeus Simath übergeben. Simath hatte zu diesem Zeitpunkt die Leitung des Meldeamtes der Stadt Innsbruck inne und war soeben dabei, dasselbe zu reorganisieren. Kurz darauf wurde er von Bürgermeister Wilhelm Greil mit der Schaffung und Leitung der Präsidialkanzlei, der Schnittstelle zwischen dem Gemeinderat und den Amststellen des Magistrates der Stadt Innsbruck, betraut. Weil Simath von seinen beruflichen Aufgaben zeitlich zu sehr in Anspruch genommen wurde, legte er die Funktion des Abteilungsführers der Sanität 1904 zurück und übergab sie an Leo Stainer.

Mit der Übernahme der Kommandantur der Sanitätsabteilung, versuchte Leo Stainer zunehmend, das ursprüngliche Projekt Viktor Baron Graffs und Gustav Riegls, aus der Sanitätsabteilung eine Rettungsabteilung mit öffentlichem Auftrag zu bilden, voranzutreiben. Ab 1905 bemühte man sich, der Erste-Hilfe-Leistung durch die nun im standardisierten Kurs geschulten und durch eine Prüfung legitimierten Mitglieder der Freiwilligen Feuerwehr Innsbruck, insbesondere natürlich der Sanität, einen offizielleren Charakter zu verleihen. Es wurden Sanitätsausweise an jene Mitglieder der Sanitätskolonne ausgegeben, die sich verpflichteten, jährlich sechs Übungen in Erster Hilfe zu absolvieren. Die Ausweise sollten dazu dienen, sich bei Notfällen gegenüber der Polizei ausweisen zu können, um das Einschreiten bis zum Eintreffen ärztlicher Hilfe rechtfertigen zu können. Einige Jahre später berechtigten die mittlerweile mit abgestempelten Fotografien versehenen Sanitätspässe auch zur freien Fahrt in Uniform auf den Straßenbahnlinien der Innsbrucker Verkehrsbetriebe bei Benutzung der vorderen Plattform.

Im selben Jahr ist bereits die Übernahme gleichsam öffentlicher Aufgaben durch die Sanitätsabteilung belegt. So stellte sie anlässlich des Festumzuges bei den Enthüllungsfeierlichkeiten für das Franz-Thurner-Denkmal im heutigen Waltherpark im Jahre 1905 eine Ambulanz mit Verbandsplatz im Haus Mariahilf Nr. 5. Zudem wurden bei Anforderung Krankentransporte und Rettungseinsätze anscheinend auch unabhängig von Brandbeistellungen durchgeführt.

Die Gründung der Rettungsabteilung der Freiwilligen Feuerwehr Innsbruck am 12.4.1907

Ab dem Jahr 1906 ging man schließlich daran, Nägel mit Köpfen zu machen. Am 11.10.1906 versammelte sich die gesamte Mannschaft der Sanitätsabteilung der Freiwilligen Feuerwehr Innsbruck im Gasthof Schwarzer Adler. Gekommen waren auch Korpsarzt Dr. Otto Kölner sowie Branddirektor Viktor Baron Graff. Verhandelt wurden die Vorbereitungen zur Gründung einer Rettungsabteilung innerhalb der Freiwilligen Feuerwehr Innsbruck. Um sich einen Eindruck von der Organisation bereits bestehender Rettungsdienste machen zu können, schlug Dr. Kölner eine Studienreise zu diesen vor. Über ein solches Vorhaben war bereits in den Kommandantschaftssitzungen der Freiwilligen Feuerwehr Innsbruck vom 30.8. und 24.9. gesprochen worden. Im Schwarzen Adler einigte man nun auf die Besichtigung zunächst des Sanitätspavillions des Roten Kreuzes bei der Landesjubiläumsausstellung in Nürnberg sowie der Sanitätskolonnen von Nürnberg, Linz und Wien.

Am 13.10.1906 verließ die Delegation, bestehend aus dem Korpsarzt Dr. Otto Kölner, dem Abteilungskommandanten Leo Stainer sowie dem Sanitätsmann Ferdinand Nessler jun. Innsbruck Richtung Nürnberg. Sie traf noch am selben Abend den Wachkommandanten und den Abteilungsführer der Nürnberger Sanitätsabteilung. Tags darauf wurden wie geplant der Sanitätspavillion der Landesjubiläumsausstellung sowie die Sanitätshauptwache besichtigt. Am nächsten Tag ging es nach Linz weiter, wo man mit Korpsarzt Dr. Klemens Zehetner zusammentraf und eine Alarmierung der im Feuerwehrhaus untergebrachten Rettungsgesellschaft miterlebte. Von Linz aus reiste Dr. Kölner dann alleine nach Wien weiter. Dort wurde er zunächst von Dr. Heinrich Charas, Chefarzt der Wiener Freiwilligen Rettungsgesellschaft, empfangen. Auf dessen Anraten besuchte Dr. Kölner die Sankt Veiter Rettungsgesellschaft in Wien-Hietzing, da deren Größe mit einer noch zu schaffenden Innsbrucker Rettungsabteilung eher vergleichbar wäre als mit der viel zu umfangreichen Wiener Freiwilligen Rettungsgesellschaft. Am 17.10. reiste der Korpsarzt schließlich nach Innsbruck zurück.

Mit den Erkenntnissen, die man in der Studienreise gewonnen hatte, nahm der Zug nun Fahrt auf. In der Kommandantschaftssitzung der Freiwilligen Feuerwehr Innsbruck vom 8.11.1906 nahm der Tagesordnungpunkt „Errichtung einer Rettungsgesellschaft“ den größten Teil der Sitzung in Anspruch. In der Gemeinderatssitzung vom 21.12.1906 stellte Viktor Baron Graff in seiner Funktion als Abgeordneter zum Gemeinderat dann einen Dringlichkeitsantrag zur Schaffung einer Rettungsabteilung:

„Von der freiwilligen Feuerwehr liegt eine Zuschrift wegen Schaffung einer Rettungsabteilung vor. – Es soll im Einverständnis mit dem Gemeinderate eine Sammlung zu diesem Zwecke gemacht werden. – G. R. Graff begründet das Schreiben in längerer Rede, hebt die Verdienste des Dr. Kölner um die Ausbildung der Mannschaft im Rettungswesen hervor und weist darauf hin, dass im letzten Jahre 31 Ausrückungen zu Krankentransporten notwendig waren. – Es stehe nur ein Krankenwagen zur Verfügung, Räder und Tragbahre habe sich die Feuerwehr schon selbst angeschafft. Redner stellt einen auf Schaffung einer Rettungsabteilung abzielenden Dringlichkeitsantrag. – G.R. Thurner und Bürgermeister Greil befürworten denselben, worauf er einstimmig angenommen wird.“
Stadtarchiv/Stadtmuseum Innsbruck, Stadtratsprotokolle: Protokoll der Sitzung des Innsbrucker Gemeinderates vom 21.12.1906.

Dr. Otto Kölner arbeitete daraufhin einen Satzungsentwurf für die jetzt neu zu schaffende Rettungsabteilung der Freiwilligen Feuerwehr Innsbruck aus. Dieser wurde in der Jahreshauptversammlung der Freiwilligen Feuerwehr vom 18.2.1907 vorgelegt:

„Am 18. Februar 8 Uhr abends ordentliche Hauptversammlung. Anwesend waren 181 Mitglieder, ferner Herr Bürgermeister Wilhelm Greil und die Herren Gemeinderäte Neurauter, Franz Thurner, Hans Hörnagl und Hans Munding.[…]
Hierauf wurde zur Gründung einer freiwilligen Rettungsabteilung für erste Hilfeleistung bei allen vorkommenden Unglücksfällen geschritten. Die von der Sanitätsabteilung verfaßten Satzungen wurden einstimmig genehmigt. Die Versammlung widmete einen Betrag von 1000 K aus der Unterstützungskasse in der Hoffnung, daß die Bevölkerung Innsbruck ebenfalls ihr Scherflein zu dieser humanen und bei Ausdehnung Innsbrucks notwendigen Institution beitragen werde.“
Stadtarchiv/Stadtmuseum Innsbruck, 07.08 Berufsfeuerwehr Innsbruck: Freiwillige Feuerwehr Innsbruck (Hg.), XXXIII. Jahresbericht der Freiwilligen Feuerwehr in Innsbruck für das 50. Vereinsjahr 1907, Innsbruck 1908, 8-9.

Nach der behördlichen Genehmigung der Satzungen fand am 12.4.1907 im Gasthof Breinößl in der Maria-Theresien-Straße schließlich die gründende Hauptversammlung der Rettungsabteilung der Freiwilligen Feuerwehr Innsbruck statt. Unter dem Vorsitz von Branddirektor Viktor Baron Graff wurden folgende Mitglieder in den Vorstand gewählt:

Dr. Otto Kölner, als Korpsarzt,

Leo Stainer, als Obmann,
Anton Gasser, als Obmann-Stellvertreter,
Ferdinand Nessler jun., als Schriftführer,
Hans Hörtnagl, als Kassier,
Wilhelm Kerber und

Rudolf Petry, als Beiräte.“
Archiv der Freiwilligen Rettung Innsbruck, OERK-FRI-JAB JAB1907 20140604174727: Rettungsabteilung der Freiwilligen Feuerwehr Innsbruck (Hg.), I. Jahresbericht der Rettungsabteilung der Freiwilligen Feuerwehr Innsbruck, 1907. Innsbruck 1908, 7.

Es handelte sich dabei um den sog. „Engeren Ausschuss“ der Rettungsabteilung der Freiwilligen Feuerwehr Innsbruck. Der „Erweiterte Ausschuss“ umfasste außerdem unter dem Vorsitz von Viktor Baron Graff Vertreter der Feuerwehr, des Gemeinderates, zwei Beiräte und einen ärztlichen Leiter.

Noch im Jahre 1907 trat Dr. Otto Kölner von seiner Funktion als Korpsarzt zurück und übergab sie an seine Nachfolger Dr. Viktor Tschamler und Dr. Franz Hörtnagl.

Die Rettungsabteilung der Freiwilligen Feuerwehr Innsbruck im Jahre 1907 im zweiten Hof des Neuen Rathauses. In der Mitte Dr. Otto Kölner (mit der Hand an der Laterne des Wagens) und Leo Stainer. Zu sehen ist wahrscheinlich der von der Wiener Freiwilligen Rettungsgesellschaft übernommene Landauer sowie eine „Räderbahre“. Bei der Räderbahre könnte es sich um ein Modell der Fa. Köhler & Comp. aus dem Jahre 1903 handeln.

Aufnahme des öffentlichen Rettungsdienstes am 1.10.1907

Man findet kaum zeitgenössische Berichte darüber, wie die Versorgung und der Abtransport von Verletzten vor der Einrichtung öffentlicher Rettungsdienste vonstatten ging. Eine eindrückliche Schilderung liefert uns wiederum Obmann Leo Stainer:

„Um Kranke oder Verunglückte ins Spital oder zu Privatärzten zu bringen, standen außer den Spitalstragbahren nur geschlossene Landauer bei Lohnkutschern zur Verfügung; von der Umgebung kamen die Verletzten und die Kranken zumeist auf Leiterwagen gebettet an. Für den Transport Kranker und Verletzter, welche mit der Eisenbahn ankamen, waren wohl nur Fiaker und Schlitten am Bahnhof erhältlich. Mit Schaudern und Mitleid habe ich es selbst merhmals gesehen, wie Dienstmänner auf ihren zweirädrigen Handkarren Schwerverletzte mit schlecht oder gar nicht verbundenen Wunden über die damals holprigen Straßen fuhren, vom Bahnhof durch die Rudolf- und Landhausstraße oder vom Unfallsorte ins Spital.“
Leo Stainer, Wie ich Samariter wurde. Erinnerungen und Erlebnisse, in: FREIWILLIGE RETTUNGSGESELLSCHAFT INNSBRUCK (Hg.), 25 Jahre Freiwillige Rettungs-Gesellschaft Innsbruck, 20 Jahre Tiroler Samariterbund. Innsbruck 1932, 22-24, hier: 22.

Auch mit der Gründung der Rettungsabteilung der Freiwilligen Feuerwehr Innsbruck war ein ständiger Rettungs- und Krankentransportdienst im öffentlichen Auftrag noch nicht sofort gegeben. Zuerst mussten noch die Fragen eines zu geringen Mitgliederstandes sowie fehlender Räumlichkeiten geklärt werden.

Umfangreiche Werbemaßnahmen bestehend aus Sendschreiben und Aufrufen in den Zeitungen, der Rettungsabteilung beizutreten, halfen, den Mitgliederstand von zehn zunächst auf 28, dann auf auf 40 zu heben. Bezüglich geeigneter Räumlichkeiten hatte man zunächst gehofft, sich selbst eine größere Rettungsstation schaffen zu können. Als man an der Realisierung scheiterte, begab sich eine Delegation zu Bürgermeister Wilhelm Greil. Dieser sagte zu, der Rettungsabteilung die Räumlichkeiten der Polizeimessstation kostenlos zu überlassen. Diese befand sich im zweiten Hof des Neuen Rathauses in der Maria-Theresien-Straße. Die Überlassung und Übernahme der Kosten zur Adaptierung wurde in der Gemeinderatssitzung vom 19.7.1907 bewilligt. Die Kosten dürften das erwartete Ausmaß überschritten haben, denn im November musste der Gemeinderat dem Stadtbauamt eine Kreditüberschreitung von 187 Kronen für die Herstellung es Wachzimmers der Rettungsabteilung genehmigen.

Mit dem 1.10.1907 konnte der allgemeine öffentliche Rettungsdienst in Innsbruck schließlich offiziell aufgenommen werden.

An Ausrüstungs- und Transportmitteln standen ein Rettungswagen in Landauer-Bauart (offene Pferdekutsche mit abnehmbarem Verdeck), der von der Wiener Freiwilligen Rettungsgesellschaft übernommen werden konnte, zwei Fahrbahren, vier Tragbahren, ein Tragstuhl, ein Tragetuch, ein Verbandstornister, 28 Sanitätstaschen sowie Schienenmaterial, Zwangsjacke, Galoschen, Gummihandschuhe, Isolierzange, vier Laternen und Medikamente zur Verfügung. Dazu kam noch die Stationseinrichtung, Uniformen und Lehrmittel.

Die Anforderung erfolgte über die Wache der Innsbrucker Feuerwehr per Telefon, Telegraph oder Bote. Ein Großteil der Verständigungen wurde bereits per Telefon durchgeführt. Angerufen wurde beim Anschluss der Feuerwehr unter der Rufnummer 359.

Für die Durchführung von Krankentransporten musste eine ärztliche Anweisung des Stadtphysikates beigebracht werden. Der Rettungswagen kostete für die erste Stunde bei Tag 2,60 Kronen plus 1 Krone je weiterer halber Stunde sowie 4 Kronen bei Nacht plus 2 Kronen für jede weitere halbe Stunde. Überland wurde der Wagen nach dem Fiakertarif verrechnet. Zusätzlich standen in mehreren Polizeiwachen Räder- und Tragbahren zur Verfügung, für welche die Träger (Dienstmänner) selbst gestellt werden mussten. Rettungsdienstliche Einsätze wurden gemäß den Statuten kostenlos durchgeführt.

Insgesamt wurde zwischen 1.10. und 31.12.1907 197 Mal zu Versorgungen ausgerückt, wovon acht Fehleinsätze verzeichnet wurden. Am häufigsten traten in diesem Zeitraum Blutungen, Frakturen der unteren Extremitäten, Quetschwunden, Hiebwunden und psychiatrische Notfälle auf. Gemessen an der Anzahl an sanitätsdienstlichen Interventionen waren Bauarbeiter, Dienstmägde, Ehefrauen und Privatiers am gefährdetsten.

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Ernst Pavelka